Stephan Wiesner ist Profi-Fotograf und kennt daher den Alltag hinter der Kamera gut, um zu wissen, wann ein Objektiv wirklich funktioniert und wann nicht. In einem Test hat er unsere beiden neuen Rollei-Festbrennweiten mitgenommen – die 35 mm F/1.8 und die 24 mm F/1.8 – und sie in echten Situationen ausprobiert: am Reitstall, in der Dorfkneipe und in der Heidelandschaft.
In diesem Beitrag fassen wir zusammen, was er dabei mitgenommen hat – inklusive ein paar Tipps für die Weitwinkel-Fotografie, die sich dabei ergeben haben.
Rollei 35 mm F/1.8 – Gemacht für Reportage-Aufnahmen
Für wen sind 35 mm interessant?
35 mm ist seit Jahrzehnten eine klassische Reporterbrennweite, und das aus gutem Grund. Man ist nah genug dran, um einen Menschen zu zeigen – aber weit genug, um noch etwas von der Umgebung mitzunehmen. Kein enger Headshot, aber auch kein Gruppenbild aus großer Distanz. Stephan bringt es so auf den Punkt: "Frau beim Reiten, Fischer beim Fischen, Handwerker bei der Arbeit – das ist das Terrain von 35 mm."
Praxis am Reitstall: Licht und Komposition
Beim Shooting im Reitstall zeigen sich zwei Dinge, die Stephan bei Weitwinkelaufnahmen von Menschen und Tieren immer wieder betont. Erstens: Das Hauptmotiv gehört weg vom Bildrand. Was am Rand liegt, wird verzerrt – bei einem Pferdekopf kann das lustig wirken, bei Porträts ist es selten vorteilhaft. Zweitens bestimmt das Licht den Standpunkt: Im Stall gab es nur eine nutzbare Lichtquelle. Wer dagegen fotografiert, bekommt dunkle, flache Bilder. In engen Verhältnissen lohnt es sich, diesen Punkt frühzeitig zu klären.

Für die Hallenaufnahmen beim Reiten nutzte Stephan eine etwas längere Verschlusszeit und Mitzieher-Technik, um Bewegung zu zeigen – 35 mm sind dafür gut geeignet. Der Autofokus an der Sony A7 V machte dabei keine Probleme, auch nicht bei Serienaufnahmen.

Low-Light und Autofokus
Abends in einer Kneipe mit wenig Licht, Leute die sich bewegen – hier macht sich Lichtstärke bemerkbar. F/1.8 gibt hier mehr Spielraum als ein Zoom mit F/2.8 oder F/4. Stephan fotografierte auch durch eine Glasscheibe im Dunkeln, inklusive Gesichtserkennung. Das hat problemlos funktioniert, auch als Drittanbieter-Objektiv an der Sony A7 V.

Bildqualität
Die Schärfe ist bereits bei Offenblende sowohl in der Mitte als auch an den Rändern gut – blendet man leicht ab, verbessert sie sich nochmals. Die Vignettierung bei F/1.8 ist deutlich sichtbar, lässt sich aber korrigieren oder bewusst als Gestaltungselement belassen, was Stephan bei Porträts häufig so hält. Das Bokeh ist für eine 35-mm-Brennweite angenehm, auch wenn der Hintergrund natürlich nicht so stark freigestellt wird wie bei längeren Brennweiten.
Flexibilität durch Zuschneiden
An einer Kamera mit hoher Auflösung wie der Sony A7 V lässt sich das Bild später problemlos auf effektiv 40 bis 50 mm beschneiden und hat dabei immer noch genügend Pixel für eine saubere Ausgabe. Umgekehrt – also mit einem längeren Objektiv weiter werden – geht das nur per Panorama, was deutlich aufwändiger ist.
Rollei 24 mm F/1.8 – Weitwinkel mit Spielraum
Wann greift man zu 24 mm?
24 mm bietet noch etwas mehr Bildwinkel als 35 mm und eignet sich besonders dann, wenn die Umgebung wirklich einen großen Teil des Bildes ausmachen soll. Der Kutter mit der Nordsee im Hintergrund. Der Handwerker, bei dem das Werkzeug und der Raum genauso viel erzählen wie die Person selbst. Auch nachts in der Stadt oder bei Architektur ist F/1.8 gegenüber einem langsameren Zoom spürbar von Vorteil.
Mensch in der Landschaft
Stephan zeigt das 24 mm bei Aufnahmen in der Heidelandschaft – Video mit Gimbal, Reportagestil. Das Ergebnis ist ein Look, der Nähre und Weite gleichzeitig transportiert. Bei F/1.8 wird der Hintergrund leicht unschärfer, bleibt aber erkennbar. Ein paar Schritte zurück, und er tritt stärker in den Vordergrund. Dieses Zusammenspiel zwischen Menschen und Umgebung ist mit längeren Brennweiten kaum zu erreichen.
Verzerrung als Stilmittel
Bei 24 mm ist Verzerrung ein Thema, das man kennen sollte. Wer das Hauptmotiv an den Bildrand setzt, verzerrt es. Das kann ein Problem sein – oder es kann bewusst eingesetzt werden. Große Hände, ein wuchtiges Werkzeug, eine breite Körperhaltung: All das lässt sich mit 24 mm gezielt betonen. Stephan empfiehlt, Menschen und Tiere in der Regel weg vom Rand zu halten, außer die Verzerrung ist Teil der Bildaussage.

Schärfe an 60 Megapixeln
Stephan testete das Rollei-Objektiv an der Sony A7R V. In der Bildmitte ist die Schärfe bei F/1.8 gut. An den Rändern zeigt sich bei Offenblende – bei 60 Megapixeln fällt das genauer auf als bei weniger auflösenden Kameras – etwas weniger Schärfe, die ab F/2.8 besser wird und ab F/5.6 sehr gut ist. Die Vignettierung bei Offenblende ist vorhanden und lässt sich in der Nachbearbeitung anpassen oder wie die Verzerrung entsprechend als Stilmittel einsetzen.
An der Sony A7R V und der A7 V lief der Autofokus bei allen Aufnahmen reibungslos – kein Sport-Einsatz, aber alles, was Stephan im Alltag damit gemacht hat, hat ohne Auffälligkeiten funktioniert.
35 mm oder 24 mm?
Das hängt davon ab, was man damit machen möchte. Das 35 mm ist der vielseitigere Einstieg – es verzeiht mehr beim Komponieren und lässt sich breiter einsetzen. Das 24 mm hat mehr Bildwinkel und damit mehr kreative Möglichkeiten, erfordert aber auch mehr Bewusstsein im Umgang mit Verzerrung. Wer eines von beiden hat und das andere ergänzen möchte, hat mit der Kombination einen guten Bereich abgedeckt.
Fazit
Stephan hat es für dich zusammenfasst: Beide Objektive haben keine echten Schwächen. Sie liefern solide Bildqualität bei F/1.8, sind ordentlich verarbeitet und preislich deutlich unter den entsprechenden Herstellerobjektiven.
Ob Reportage, Reise, Architektur oder etwas Kreatives: Beide Brennweiten decken viel ab. Und Stephan bringt es am Ende auf seinen üblichen Nenner: "Am Ende ist eher der Zeigefinger das Problem als das Objektiv."