Das Wunder im Wasser – mit dem Graufilter Fotos zaubern

Nicht nur Filterfotografen bleiben eigentlich immer stehen und fangen direkt an zu planen, wenn sie an ein fließendes Gewässer kommen. Denn kaum eine andere Anwendungsmöglichkeit bietet so viele kreative Optionen für den Einsatz von Graufiltern …

Grau- bzw. Neutraldichte-Filter (ND-Filter) verlängern die möglichen Belichtungszeiten weit über die Beschränkungen der Kameras hinaus. Eine sehr dankbare Spielwiese für die Veranschaulichung möglicher Effekte stellen fließende Gewässer dar, möglichst mit Stromschnellen, Wasserfällen oder ähnlichen „Unruheherden“.

Die erste Frage, die sich Fotografen stellen, wenn sie am Ufer stehen, lautet daher meistens: „Wie soll das Wasser wirken?“ Eher wie die tollen Beispiele aus den Hochglanz-Fotobüchern mit gestochen scharfen Felsen und watteweichem Wasser? Oder doch lieber mit sichtbaren „Wasserfäden“, die die brachiale Gewalt der Strömung verdeutlichen? Klar ist, man muss an der Belichtungszeit drehen, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Denn auch Aufnahmen mit extrem kurzer Belichtungszeit, die das gesamte Geschehen „einfrieren“, entsprechen natürlich nur der subjektiven Wahrnehmung des Fotografen, die durch Objektiv und Kamera verewigt wurde. Das menschliche Auge sieht immer einen Mischmasch aus scharfem Fokus und unscharfer Peripherie und ist überhaupt dafür ausgelegt, „Belichtungen“ aufzunehmen und abzuspeichern, die sich im Bereich zwischen einer Tausendstelsekunde und mehreren Minuten bewegen.

Neben dem zu erzielenden Effekt beeinflusst die Fließgeschwindigkeit des Wassers die Wahl der notwendigen Belichtungszeit und des passenden Graufilters. Die richtige Einschätzung der Fließgeschwindigkeit ist reine Übungssache, je öfter man sich mit seiner Kamera, den Filtern und dem obligatorischen Outdoor-Stativ ans Ufer gestellt hat, desto sicherer wird man bei der Beurteilung und der anschließenden Wahl der richtigen Filter/Belichtungs-Konstellation. Man kann natürlich auch mehrere Filter miteinander kombinieren, um die Einwirkungszeit des Lichts auf etliche Stunden auszudehnen.

Die nachfolgende Tabelle soll einen Überblick über die Zusammenhänge zwischen Stopps der ND-Filter, dem Blendenfaktor und der Verlängerung der effektiven Belichtungszeit geben:

Stärke

Ohne Filter

Filter ND0,3

Filter ND0,9

Filter ND1,8

Filter ND2,0

Filter ND3,0

Blendenfaktor

0

-1

-3

-6

-6,66

-10

Verlängerungs-
faktor

0

2x

8x

64x

100x

1000x

Belichtungszeit

1/4000 s

1/2000 s

1/500 s

1/60 s

1/40 s

1/4 s

-ll-

1/2000 s

1/1000 s

1/250 s

1/30 s

1/20 s

1/2 s

-ll-

1/1000 s

1/500 s

1/125 s

1/15 s

1/10 s

1 s

-ll-

1/500 s

1/250 s

1/60 s

1/8 s

1/5 s

2 s

-ll-

1/250 s

1/125 s

1/30 s

1/4 s

1/2 s

4 s

-ll-

1/4 s

1/2 s

2

16 s

25 s

4 min 24 sek

         

Eine empfehlenswerte Vorgehensweise besteht darin, erst einmal ein paar „normale“ Belichtungen durchzuführen und sich dann mit der Fließgeschwindigkeit und den vorherrschenden Lichtverhältnissen vertraut zu machen. Sinnvoll sind dafür die „stabilen“ Sonnenstunden in der Mitte des Tages. Beginnend mit einem Graufilter niedriger Verdunklungsstufe tastet man sich dann Schritt für Schritt an das gewünschte Ergebnis heran.

Im folgenden Beispiels-Shooting an einem Wintertag an der Murg im Schwarzwald, floss das Wasser am gewählten Standort eher träge, die verschiedenen Ebenen des Felsbettes sorgten aber für deutliche Verwirbelungen und Schaum auf dem Wasser. Ideale Bedingungen, um den Kontrast zwischen den scharfen, schneebedeckten Felsen und dem stetig ansteigendem „Weichheitsgrad“ des Wassers dieses Rhein-Nebenflusses in Abhängigkeit mit den verschiedenen Filtern, Blenden- und Belichtungswerten zu dokumentieren.

Das erste Foto wurde ohne Filter, bei einer Belichtungszeit von einer 1/4 Sekunde bei Blendenstufe 16 gemacht und dient als „Standardbild“ bzw. Referenz:

Die Dynamik dieses 80 km langen Flusses zeigt sich bereits durch die Bewegungsschlieren des fließenden Wassers, die sich mit einer 1/4 Sekunde natürlich noch nicht vermeiden lassen. Jetzt kann man die unterschiedlichen Fließgeschwindigkeits-Bereiche noch gut erkennen: Die horizontale Ebene ohne größere Widerstände erlaubt relativ hohe Geschwindigkeiten, unterhalb dieses Bereiches wird das Wasser eher indirekt bewegt und verwirbelt, daher sind auch die Details besser erkennbar. Mit diesen Eindrücken ging es dann an das zweite Bild, immer noch ohne Filter:

Blende 22 und 0,8 Sekunden Belichtungszeit mit Mehrfeldmessung im M-Modus ergibt schon deutlichere Unschärfen, wobei die Fließgeschwindigkeiten immer noch differenziert werden können. Unserer Meinung nach hat das Bild auch jetzt bereits an emotionaler Tiefe gewonnen, da man zwischen starrer Kälte der Schneeflächen und rasanter Bewegung des Wassers hin und her gerissen wird. Dabei formen sich die Wasserbereiche bereits zu einer homogenen Fläche.

Die nächste Aufnahme wurde dann mit einem Neutralfilter 1,8 ND (entspricht weniger als einem Stopp) und der Blendeneinstellung 16 des ersten Bildes 15 Sekunden lang belichtet. Die Zeitvorwahl wäre laut der obigen Tabelle zwar 16 s gewesen, der erfahrene Fotograf hatte das Gefühl, dass eine Sekunde weniger ein weitaus besseres Ergebnis erzielen würde.

Damit lag er vollkommen richtig, meinen Sie nicht auch? Gute Intuition verbessert sich durch jahrelange Erfahrung immer weiter und führt zu Entscheidungen, die schon fast automatisch getroffen werden. So beschreibt er auch, dass das Wasser an den schnellen Strömungsstellen erfahrungsgemäß wie fließende Milch aussehen wird, was dann auch genauso eintrat.

Nicht nur unterschiedliche Lichtsituationen erfordern eine vernünftige Auswahl verschiedener Filterstärken. Den gewünschten „Milch“-Effekt erreicht man beispielsweise nicht mit einem Graufilter der Stärke 0,3, dafür muss man schon einen ND-Filter ab 1,8 und aufwärts in seiner Fototasche mitführen. Für die Berechnung der passenden Belichtungszeit fällt aufgrund der starken Verdunklung der Filterlinsen dieser Klasse die Kameraautomatik aus, hier muss man sich auf eigene Erfahrungen und/oder Tabellen (siehe oben) stützen. Die schnellsten, aber auch nachhaltigsten Lernerfolge erzielt man sicherlich mit einer strukturierten Vorgehensweise: Anhand der Tabellenwerte an einem Motivstandort mit stabilem Licht einfach enorm viele Aufnahmen mit folgerichtigen Veränderungen in der Filterstärke und der Belichtungszeit zu machen, diese dann aber auch gut zu dokumentieren und zu analysieren. Hat man sich mit den Zusammenhängen und den entsprechenden Ergebnissen vertraut gemacht, kann man sich den anderen Variablen zuwenden. Auch der ISO-Wert nimmt Einfluss auf das Resultat und sollte nicht als „toter Wert“ im Bereich der Filterfotografie angesehen werden.

Letztendlich kommt es aber (wie immer) auf den persönlichen Geschmack des Fotografen an, inwieweit die Dynamik des Wassers „heruntergeschraubt“ wird. Der Schöpfer unserer Beispielaufnahmen präferiert eher Bilder, die noch ein wenig Zeichnung der Fließbewegung aufweisen.

Um den Gestaltungsspielraum der Stativ-basierten Landschaftsfotografie aufzuzeigen, möchten wir Ihnen auch die anderen Werke, die an diesem winterlichen Tag an der Murg im nördlichen Schwarzwald entstanden sind:

Die erste Aufnahme wurde ohne Filter gemacht, ein Weitwinkelobjektiv 12-24mm von Sigma fing das Licht mit der Blendenstufe 22 und einer Belichtungszeit von 0,5 s ein, die ISO-Anzeige stand auf 50. Hier ging es dem Fotografen um die Kombination der kontrastreichen Strukturen auf den schneebedeckten Felsen und im sprudelndem Wasser. Ein Filter hätte hier das Wasser zu weich gezeichnet und im Motivmittelpunkt nur eine stumpfe und weniger spannende Fläche hinterlassen.

Dieses Foto entstand unter Zuhilfenahme eines 0,9 ND Filters bei Blendenstufe 22, einer Belichtungszeit von einer Viertelsekunde und ISO 250. Die sehr filigranen und statischen Mini-Eiszapfen der von oben links ins Bild ragenden Schneeplatte luden dazu ein, mit der eher zurückhaltenden Filtereinstellung zu arbeiten und noch zahlreiche Strömungslinien „erwischen“ zu können. Trotzdem beließ es der Fotograf nicht bei dieser wirklich stimmungsvollen Aufnahme, sondern arbeitete an diesem Standort mit einem stärkeren Filter und einer wesentlich längeren Zeiteinstellung weiter:

Was für ein Unterschied! Der 1,8 ND Filter ließ für 4 Sekunden das Licht durch die 16er-Blende bei ISO 200. Das Gehirn muss bei einem so surrealen Bild innerhalb von Sekundenbruchteilen Schwerstarbeit leisten und die gelernten Wahrnehmungsformen von Wasser abgleichen, um diese sehr wattige Darstellung einordnen zu können. Bei dieser Aufnahme stand der extreme Kontrast zwischen den scharfen Eiszapfen und dem rasend schnell fließenden Strom im Vordergrund. Wandert man mit dem Stativ ein paar Meter weiter und verändert zusätzlich die Brennweite, zaubert die Filter-Belichtungszeit-Kombi von ND 3.0 und 329 Sekunden weitere interessante und ungewohnte Ansichten dieser Winterszenerie auf die Speicherkarte:

Geht es Ihnen auch so, dass Sie hier ein wenig Science-Fiction-Optik verorten? Die extrem weichgezeichnete Wasserfläche scheint wirklich nicht mehr von dieser Welt zu sein. Hat sich das Auge mit der sanften, matten Oberfläche versöhnt, sorgen Bereiche wie die „normale“ Uferfläche rechts oben und die klar konturierten Wasserstrahlen im rechten unteren Drittel wieder für Verwirrung. Die Eisflächen scheinen auf dem Wasser zu schweben, bewegen sich aber nicht um einen Nanometer. Aufnahmen wie diese sollte man mit einer sehr hochauflösenden Kamera festhalten, die Mystik und Bildstimmung kommt auf einem Großformat-Print noch viel besser zur Geltung. Der Fotograf nutzte für die Ermittlung der passenden Belichtungszeit einen Fernauslöser, um sich über den Umweg von 340 Sekunden, die zu viel Helligkeit erzeugten, dann auf die perfekte Zeit von exakt 329 s zu treffen. Die Blendenöffnungsanzeige stand auf 20, das Licht reichte für ISO 100.

Eines seiner Lieblingsbilder dieses Shootings nannte der Fotograf wie folgt: „Eis, Stein und Wasser – drei Elemente der Natur in einem Konglomerat von Bewegung und Starrheit“:

Wenn man dieses tolle Foto eine Zeit lang betrachtet, erkennt man rechten mittleren Drittel eine Bärentatze – perfekt geformt aus dem struppigen Fell, das durch die noch sichtbaren Strömungslinien entsteht und die scharfen Krallen – dargestellt durch die abgesetzten Wasserstrahlen am liken Rand. Hier kam dann auch endlich die Sonne durch und schuf eine Lichtsituation, die mit einem 0,9 ND Filter und einer halben Sekunde Belichtungszeit bei ISO 100 eingefangen werden konnte.

Wir freuen uns immer sehr, wenn unsere Blogbeiträge unsere Leserinnen und Leser motivieren, Kamera, Filter und Stativ zu schnappen und sich in der Natur „auszutoben“. Übung mach eben wirklich den Meister! Haben Sie Fragen oder Anregungen? Dann schreiben Sie sie in die Kommentarspalte, Likes und Shares sind ebenfalls herzlich willkommen!

Fotograf: Harald Kröher

27. Januar 2017 | Foto Filter, Hintergrund |

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