Wie der Wanderer über dem Nebelmeer

Der Maler und Zeichner Caspar David Friedrich wird als der bedeutendste Künstler der deutschen Frühromantik gesehen. Zu Lebzeiten erhielt er sowohl frenetischen Zuspruch, erntete aber auch heftige Kritik. Seine Werke wurden vom preußischen König und dem russischen Zaren gekauft, trotzdem starb er in finanzieller Not. Die bekanntesten Ölbilder zeigen eine überwältigende und dramatisierte Darstellung der Natur, die zugrundeliegenden Motive hat es in der abgebildeten Form aber meistens nie gegeben. Caspar David Friedrich war ein Meister der Komposition und der verborgenen Botschaften, zahlreiche Werke verfolgten politische Absichten.

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Der erfahrene Fotograf Harald Kröher machte sich mit einigen Gleichgesinnten auf den Weg, die spezielle Bildauffassung Friedrichs zu verinnerlichen und zu interpretieren. Als Ergebnis sind sehr stimmungsvolle Aufnahmen entstanden. Für eine fotografische Annäherung an Caspar David Friedrich eignet sich kein sonnenüberfluteter Strand oder Szenerie mit vielen Menschen. Unberührte Natur, Bewölkung, Zwielicht, Nebel und Menschenleere sind die richtigen Voraussetzungen. Der Künstler beschrieb seine vordergründig misanthropische Grundeinstellung wie folgt:

Ihr nennt mich Menschenfeind,
Weil ich Gesellschaft meide.
Ihr irrt euch,
Ich liebe sie.
Doch um die Menschen nicht zu hassen,
Muß ich den Umgang unterlassen.

Einige Phasen seines Lebens waren von tiefer Depression, sogar von Todessehnsucht geprägt. Die Enttäuschungen mit den Menschen verarbeitete er in seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit der Natur. Verlassen wir aber nun die Theorie und widmen wir uns den praktischen Ergebnissen der Foto-Exkursion. Die Teilnehmer hatten natürlich Ihre eigenen Kameras und Objektive dabei, die professionellen Stative und Rechteckfilter von Rollei erfreuten sich während der Expedition großer Beliebtheit.

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Das folgende Foto war natürlich nicht die erste Aufnahme des Shootings, zeigt aber sehr schön die Herangehensweise. Harald Kröher hat seine Filter wie folgt zusammengestellt: Zuerst wurde ein Polfilter in die Rollei Rechteckfilterhalterung eingesetzt. Praktischerweise liegt den Halterungs-Sets bereits ein qualitativ hochwertiger CPL-Rundfilter bei, damit die Schienen für die Rechteckfilter benutzt werden können. Als nächstes kommt ein Softverlaufsfilter 0,9 von unten in die erste Halterung, dann ein Reverse 0,9 von oben für die Intensivierung der Wolkenschicht. Zusätzlich montierte Harald Kröher noch einen 0,9 Softfilter von oben, damit der harte Übergang des Reverse-Filters noch ein wenig abgeschwächt und der Sichtspalt genau auf die Burg ausgerichtet werden kann.

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Puristen könnten natürlich argumentieren, dass dieses Foto kein wirkliches und unverfälschtes Abbild der Natur darstellt. Dies war aber auch nicht Caspar David Friedrichs Anspruch. Das Herausarbeiten von Elementen und das Übermitteln einer bestimmten Bildstimmung auf einem Foto ist im Übrigen für einen Fotografen häufig anspruchsvoller, als eine pure Abbildung der Realität zu schaffen.  Neben seinen Stadtansichten, die tatsächlich genau verortet werden können, gibt es für Friedrichs dramatischen Ölgemälde in der Regel viele Vorskizzen und Elemente. Diese komponierte er aber frei und nach seinen künstlerischen Bedürfnissen. Tauchten Personen in den entsprechenden Werken auf, schaute kein Protagonist den Betrachter direkt an, vielmehr ließen die Menschen einfach die Natur auf sich wirken und drehten dem Maler nicht selten ihren fiktiven Rücken zu. Insofern ist „erlaubt, was gefällt“, wenn man den Spuren des Romantikers C. D. Friedrich folgt, er selbst wandte sich im Alter sogar offen gegen die Vertreter des neuen Realismus. Ihm war die eigene Kreativität, eine spezifische Aussage und die freie Motivzusammenstellung wichtiger als die reine Abbildungsleistung.

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Ein weiteres Kennzeichen war die saubere Komposition von Vorder- und Hintergrund, exakten Proportionen und sehr oft auch einer Zentralperspektive. Licht- und Schattensetzung lenken den Blick des Betrachters sofort auf das wichtigste Bildelement, die Umgebung wirkt dann fast unterbewusst und baut einen überwältigenden Eindruck auf.

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Beide Felsenbilder wurden mit der selben Filterkombination fotografiert. Harald Kröher sieht seine Polfilter als die für den „Caspar David Friedrich-Look“ entscheidenden optischen Elemente an. Hier hat er zwei CPLs mit einem Abstand von 3 bis 5 mm übereinander montiert, einfache Adapterringe eignen sich hervorragend als variable Abstandshalter. Durch das Drehen des oberen Polfilters verändert man die Lichttemperatur von 4.000 bis ca. 7.000k und erzeugt eine matte Luminanz, die typisch für Caspar David Friedrichs Bilder ist.

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Die Detailtreue übernimmt bei C. D. F. eine sehr wichtige Aufgabe, sorgt sie doch dafür, dass alle Bildmotive so wirken, als hätte es sie tatsächlich so geben können. Daher arbeitet man auf jeden Fall mit einem standfesten Stativ, nicht zuletzt auch, wenn Filter eingesetzt werden sollen. Für die sorgfältige Komposition hat Caspar David Friedrich sehr viel Zeit und Mühe aufgewendet, aber stets direkt auf der endgültigen Leinwand gearbeitet. So konnte er den Spagat zwischen akribischer Vorbereitung und Lebendigkeit der Bilder bewältigen. Trotz depressiver Phasen und einer sehr melancholischen Grundstimmung seiner Bilder wirken sie doch niemals kraftlos oder morbide.

Weiß man, dass sein Bild „Wanderer über dem Nebelmeer“ vollkommen fiktiv und genau komponiert wurde, wundert man sich, dass sich tatsächlich sehr ähnliche Szenarien finden und ablichten lassen. Dies spricht aber auch für das künstlerische Talent von Maler und Fotograf.

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Als Motive kamen für Caspar David Friedrich während der Zeit der napoleonischen Besetzung besonders Gegenden oder Bauten infrage, die einen eindeutigen nationalen Bezug erkennen lassen. In diesen Bereich fallen daher auch alte Burgen oder ähnliche Gebäude. Stößt man auf der Foto-Expedition dann auf passende Ruinen, baut man diese natürlich sehr gerne ein.

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Nebel, Dunst oder diesige Sicht eignet sich perfekt für den CDF-Look, lassen sich doch eindeutig differenzierbare Bildebenen erkennen. Die hinteren Bergzüge wirken fast wie vom Maler komponiert, so harmonisch unterstützen sie die Kontraste um das zentrale Bildmotiv. Es wurde überliefert, dass Caspar David Friedrich erst dann mit den Vorzeichnungen und dem Gemälde anfing, wenn sich das endgültige Motiv komplett vor seinem inneren Auge zeigte. In diese Richtung geht auch folgende Aussage des Künstlers:

Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann förder zutage, was du im Dunkeln gesehen, daß es zurückwirke auf andere von außen nach innen.

Wichtig war ihm, das seine Bilder bei den Betrachtern Emotionen auslösten. In der Zeit der Opposition gegen die napoleonische Besatzung sollte Ablehnung gegen alles Französische erzeugt und verstärkt werden, in anderen Zeiten ging es ihm auch um die majestätische Wirkung der Natur, deren Dramaturgie er aber durchaus selbst inszenieren durfte. Für die fotografische Annäherung dürfen daher gerne auch Situationen oder Stimmungen überzeichnet werden.

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Andererseits sollte aber auch in Erinnerung behalten werden, dass die Bildersprache Caspar David Friedrichs sowohl von Nationalisten missbraucht als auch von Hollywood-Regisseuren für Tragödien, Kriegs- und Science-Fiction-Filme adaptiert wurde. Tatsächlich erscheinen mittlerweile viele Motive durch diese Konditionierung irreal, obwohl sie in keiner Weise manipuliert und mit den eigenen Augen gesehen wurden.

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Die Fotografen um Harald Kröher erfreuten sich während der Exkursion aber ausschließlich an den malerischen Motiven, die sie aus strategisch günstiger Position ablichten konnten. Tipps und Tricks wurden ausgetauscht, neue Techniken und Sichtweisen erlernt. Gerade die Fotografie mit Filtern erfordert eine strukturierte Herangehensweise, wenn die Möglichkeiten der Optiken spielerisch erschlossen wurden. Viele Filtereffekte lassen sich im Nachhinein schwer oder überhaupt nicht verändern oder entfernen, daher sollte man bei komplizierten Herausforderungen stets mit Belichtungsreihen arbeiten. Ansonsten ärgert man sich über verpasste Gelegenheiten und Lichtstimmungen. Der exakte Sonnenstand macht den besonderen Charme dieses Bildes aus, wenige Sekunden vorher oder nachher findet man völlig konträre Lichtsituationen vor. Hier ist nicht nur technischer Sachverstand, sondern auch ein gutes Bauchgefühl gefragt, das sich in der Regel aus jahrelanger Erfahrung speist.

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Die deutlich sichtbaren Lichtstrahlen entsprechen zwar nicht der üblichen Darstellung auf Friedrichs Bildern, vielleicht hätte er aber auch mit diesen Blendeeffekten gearbeitet, wenn er damals schon analoge oder digitale Spiegelreflexkameras zur Verfügung gehabt hätte. Grundsätzlich geht es bei thematischen Foto-Workshops oder Exkursionen ja niemals um das platte Kopieren, sondern um Inspirationen und das Verstehen des künstlerischen Vorgehens.

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Die indirekte Darstellung der Sonnenstrahlen durch die verschiedenen Dunstschichten und die Anmutung einer Sogwirkung in den Bildmittelpunkt zeigt deutlich mehr CDF-Einflüsse auf die Aufnahmegestaltung. Intensiviert durch die hellen, fast schon leuchtenden Spitzen der Vegetation im Vordergrund.

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Auch dieses Bild lebt vorwiegend vom richtigen Timing. Sowohl in Bezug auf die Position der Sonne als auch auf die dann vorzufindenden Lichtverhältnisse. Leicht hätte dieses Foto auch ins Dunkle „wegsacken“ können.

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Die Kombination des sehr weichgezeichneten Wassers mit der kontrastreichen und detaillierten Darstellung des überwachsenen Felsens qualifiziert auch dieses Bild als Caspar David Friedrich-Inspirationsergebnis.

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Nur eine leichte Langzeitbelichtung bedarf es, um dieser spektakulären Perspektive einen eindeutigen und sehr hellen Bildmittelpunkt zu spendieren. Die sehr lineare und Komposition greift die vorhandenen Fluchtlinien auf und spielt gekonnt mit der Erwartung der Betrachter.

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Schade, dass ein Paar kleine Kondensstreifen der Flugzeuge dieses Bild in unserer Zeit festnageln. Andernfalls wären die beiden Türme und die so herrlich ausgewaschenen Felsen im Vordergrund auch eine passende Szenerie für eine zukünftige „Herr der Ringe“-Verfilmung. Die Sets von Peter Jackson erinnern nicht selten an die Atmosphären von Caspar David Friedrich.

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Mit dieser außergewöhnlichen Nebel-Stimmung schließen wir den Ausflug in die Bilderwelten des Caspar David Friedrich. Die Renaissance seines künstlerischen Vermächtnisses inspiriert auch mehr als 170 Jahre nach seinem Tod wieder Maler, Zeichner und natürlich auch Fotografen.

Fotograf: Harald Kröher

 

28. November 2016 | Allgemein |

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