Fotografie von Städten & Sehenswürdigkeiten Teil 12: Städte-Fotografie – Melbourne: die Graffiti-Gasse

Teil 12 der „Serie: Fotografie von Städten und Sehenswürdigkeiten“ widmet sich nicht einer ganzen Stadt, sondern nur einer einzelnen Gasse, die es aber wirklich in sich hat. Die Hosier Lane ist wirklich ein einzigartiges Graffiti-Kunstwerk. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie mal rein …

Wer würde schon denken, dass sich einer der absoluten Hotspots der Street Art Szene nicht in New York, Paris oder London, sondern in der Hauptstadt des australischen Bundesstaates Victoria befindet? Melbourne hat immerhin über 4 Millionen Einwohner und ist die zweitgrößte Stadt des Landes.

Quasi genau im Zentrum der australischen Metropole, gegenüber vom allgemein bekannten Federation Square liegt die Hosier Lane. Kaum länger als ein paar Häuserhinterseiten und von der angrenzenden Flinders Street schwer auszumachen, entfaltet sich der besondere Charme dieser Seitengasse aber unmittelbar nach Verlassen der Hauptstraße.

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Wer vermutet, dass diese Gasse „entvölkert“ wurde, um den Künstlern ein Refugium zur Verfügung zu stellen, irrt komplett. Neben Cafés und Bars gibt es tatsächlich noch Büros, die gewerblich genutzt werden. Und die Graffiti haben sich auch nicht in einem geschützten „Künstler-Reservat“ entwickelt, sondern im besten anarchistischen Chaos. Dies macht aber auch den Reiz dieser lebenden Kunstwerke aus. Denn kein Tag und kein Bild wurden für die Ewigkeit geschaffen, sondern müssen bei Bedarf und nach Lust und Laune neuen Schichten weichen. Diese Kunstform lebt gerade durch die Kombination von figürlichen und gegenständlichen Elementen mit reiner Schrift oder den Tags, die die ursprüngliche Form der Graffiti darstellen. Gekratzte, gemalte oder gesprühte Tags dienten Gangs als Reviermarkierung und wurden dann von „normalen“ Sprühern und Künstlern übernommen. Wer den künstlerischen Wert von Graffiti an der Dauer der Erstellung oder der Realitätsnähe der Werke festmacht, wird dieser Disziplin nicht gerecht. Selbst unscheinbare und schnell gesetzte Tags haben in der Regel eine kulturelle Geschichte, die Graffiti-Kunst ist immer noch in einem stetigen Wandlungsprozess begriffen, einige Bereiche übernehmen die Aufgabe von Leuchttürmen, andere bilden die Brandung und das Meer, das sich mit jeder Sekunde verändert.

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Speziell in der Hosier Lane kann man die Wirkung einer riesigen Schicht tausender Motive beobachten. Die gesamte Straßenzeile wurde besprüht und bemalt, die Bandbreite der Bilder, Tags und Style-Writings überwältigt jeden Besucher.

Graffiti, Graffitis oder Graffito?

Die Bezeichnung Graffiti leitet sich als Plural aus dem italienischen Wort Graffito ab, das ursprünglich „Schraffur“ bedeutet. Weiter zurück geht es ins Griechische, hier steht der Begriff „graphein“ für „Schreiben, Zeichnen“, was der Sache schon wieder näherkommt. Ob Sie nun das Singular Graffito, die korrekte Pluralform Graffiti oder die amerikanisierte Version Graffitis verwenden, bleibt Ihnen überlassen. Der Duden „erlaubt“ mittlerweile alle Varianten. Aber diese Kunst hat sich bereits sämtlichen externen Klassifizierungsversuchen widersetzt, entsprechend achselzuckend werden Sie einen Sprayer erleben, wenn Sie versuchen, mit ihm eine Diskussion über die grammatikalisch korrekte Herleitung zu beginnen.

Fotografisch nähert man sich diesem Überangebot nach Lust und Laune, aber man sollte auch Totalen und Weitwinkelaufnahmen mit Makro- und Detail-Belichtungen kombinieren, um keinen Aspekt außer Acht zu lassen. Die Verwendung eines Stativs empfiehlt sich, wenn man vorbereitet vorbeikommen möchte, bei Spontanbesuchen ergeben aber auch „aus der Hüfte“ geschossene Aufnahmen gute Bilder, wenn das Wetter mitspielt. In diesem Teil Australiens herrscht gemäßigtes Klima, die Witterungsbedingungen können an einem einzigen Tag aber alle denkbaren Zustände abspulen, Einheimische sprechen von „four seasons in a day“ (Vier Jahreszeiten an einem Tag), wenn sie einen typischen, wechselhaften Tag in Melbourne beschreiben sollen.

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Planen Sie ein reines Hosier Lane Shooting, sollten Sie über ausreichend Speicherplatz verfügen, denn selbst der kleinste Winkel bietet eine unglaubliche Motivvielfalt. Ein Blitzgerät kann auch nicht schaden, damit Sie auch überdachte Flächen ausreichend beleuchten können. Gehen Sie aber nicht davon aus, dass bei Ihrem nächsten Besuch in Melbourne noch alles beim Alten geblieben ist. Dies würde auch dem Charakter dieser Kunstform massiv widersprechen. Im Grunde können Sie jeden Monat oder sogar jede Woche vorbeikommen, um neue Motive zu entdecken. Lebt man nicht in Melbourne oder in der Metropolregion, würde dies natürlich jedes Reisebudget sprengen. Besucht man die Großstadt am Yarra River aber aus anderen Gründen, spricht nichts dagegen, der Hosier Lane jedes Mal einen ausgedehnten Besuch abzustatten und die zwischenzeitlich vorgenommenen Änderungen und Ergänzungen ausgiebig zu dokumentieren und abzulichten.

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Einen interessanten Aspekt im Gesamtkunstwerk Hosier Lane stellt auch die indirekte Kommunikation zwischen den Künstlern dar. Einige zeigen ihren Respekt dadurch, dass sie größere Bilder unberührt lassen, andere agieren etwas anarchistischer und kommentieren auf den Werken, ohne die Gesamtaussage zu beeinträchtigen. Der oben abgebildete Frauenkopf erstreckt sich über eine ganze Häuserbreite, wurde einmal ziemlich offensiv getaggt und etwas zurückhaltender an den Rändern oder auf Farbflächen mit dem eigenen Zeichen des jeweiligen Sprayers ergänzt. Am Rande gehen die einzelnen Elemente üblicherweise ineinander über, klare Abgrenzungen sind relativ selten.

Historisch ist nicht exakt belegt, wann genau die Graffiti komplett die Herrschaft über die weltbekannte Nebenstraße übernommen haben. Die sehr vielfältige Street Art Szene Melbournes besitzt natürlich noch wesentlich mehr Kristallisationspunkte und deckt auch viele andere Disziplinen mit ab. Nichtsdestotrotz ist die Hosier Lane wirklich einzigartig, ohne ein entsprechendes Mindestmaß an Toleranz der Anwohner und auch der Stadtverwaltung wäre diese künstlerische Übernahme nicht möglich gewesen. Mittlerweile gehört es zum guten Ton, als angehender oder etablierter Graffiti-Künstler in Down Under wenigstens ein kleines Bild beizusteuern, unabhängig davon, wie lange es unkommentiert bleiben wird.

Die Gasse wird aber nicht nur von Touristen, Profi- und Hobby-Fotografen regelmäßig abgelichtet, auch Fernsehproduktionen und auch die Location-Scouts bekannter Modelabel haben sich in dieser Gasse bereits mehr als ein Stelldichein gegeben. Dies unterstreicht die These, dass sich künstlerische Ausdrucksformen der Straße oder benachteiligter Gesellschaftsgruppen über kurz oder lang im Mainstream wiederfinden. Es steht zwar nicht zu erwarten, dass sich Boulevards oder Einkaufszentren in dieser extremen Form den Graffiti zuwenden, in leichter verdaubaren Portionen findet man cleanere und realistischere Werke aber mittlerweile nicht nur in hippen Shopping-Tempeln.

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In letzter Konsequenz konnten sich selbst die Müllbehälter der Integration in das Gesamt-Erscheinungsbild nicht entziehen. Sie wurden mit besprüht, je nach Abstellposition fügen sie sich in ein Hintergrundbild ein oder setzen einen bewussten Kontrapunkt. Der Asphalt und die rudimentär vorhandenen Bürgersteige bleiben bis auf wenige Ausnahmen unberührt, vielleicht aufgrund der Tatsache, dass viele Sprühdosen streiken, wenn man sie vertikal verwendet oder sich der Farbauftrag auf Dauer nicht dem Sohlenabrieb der zahllosen Besucher widersetzen kann.

Wenn Sie eh in Melbourne weilen, werfen Sie doch auch noch einen Blick auf die sehenswerte Skyline inklusive den Rialto Towers oder die Flinders Street Station, die nur ein paar Gehminuten von der Hosier Lane Street liegt. Gerade die Wolkenkratzer bilden in der Nacht eine schöne Kulisse entlang der Wasserlinie des Port Phillip. Hier können Sie dann auch wieder mit Langzeitbelichtungen experimentieren, die zugegebenermaßen in der Graffiti-Gasse wenig Anwendungsbereiche finden würden.

Ihre Graffiti-Foto-Ausbeute können Sie zwischenzeitlich während eines Besuchs in einem der beiden Cafés in der bunten Seitenstraße sichten. Das eine heißt einfach nur „Hosier Lane“, das andere kennt man unter dem etwas pessimistischen Namen „Until Never“. Aber wir sind uns sicher: Sie werden wiederkommen.

4. November 2016 | Allgemein |

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