Fotografie von Städten & Sehenswürdigkeiten Teil 11: Städte-Fotografie – London: Meistbesuchte Stadt der Welt

Im elften Teil der der „Serie: Fotografie von Städten und Sehenswürdigkeiten“ schließen wir uns den gut 18 Millionen Besuchern an, die die britische Hauptstadt jedes Jahr besuchen. Tatsächlich findet man in kaum einer anderen europäischen Metropole eine derart hohe Anzahl an lohnenden Motiven, dass sich Städte-Fotografie in London lohnt. Und die Londoner sind Fotografen gewohnt und nehmen die dauerklickenden Verschlüsse ziemlich gelassen hin …

Solange Großbritannien noch in der EU weilt, ist London nicht nur vor Paris und Bangkok die meistbesuchte Metropole der Welt, sondern versammelt als Hauptstadt des Vereinigten Königreichs und Englands mehr Einwohner in seinen Stadtgrenzen als jede andere Stadt Europas. Im Bereich „Inner London“ leben ca. 3,3 Millionen, im übergreifenden Verwaltungsbezirk „Greater London“ insgesamt 8,5 Millionen Einwohner. In diesem Areal befinden sich auch die zahllosen Sehenswürdigkeiten, Plätze und historischen Gebäude, die fotografisch größte Ausbeute an umbauter Geschichte allerdings konzentriert sich auf den Bereich um ein paar zentrale Schleifen der Themse.

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Dieser Fluss zählt wirklich nicht zu den größten Strömen Europas, weist aber wie die Elbe in Hamburg einen Tidenhub auf, wenn auch im wesentlich geringeren Umfang. Dadurch lässt sich der Themse-Strand aber zu bestimmten Zeiten als hervorragender Standort für Langzeitbelichtungen nutzen.

Aus dieser strategisch günstigen Perspektive entstehen dann je nach Licht- und Wetterbedingungen sehr stimmungsvolle Ansichten.

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Sehr gut zu erkennen ist auch die moderne Skyline der City of London. Diese ist keineswegs deckungsgleich oder ein Synonym für die Stadt London, sondern ein absolut eigenständiger Verwaltungsbereich, der nicht einmal der Steuergesetzgebung des Vereinigten Königreiches unterliegt. Diese Privilegien reichen zurück bis ins 11. Jahrhundert. Die City of London unterhält eine eigene Polizeibehörde und wird von einer Corporation regiert, deren Stimmenzusammensetzung nicht auf Personen, sondern auf den dort niedergelassenen Unternehmen beruht. Dieser rechtliche Sonderstatus ist auch dafür verantwortlich, dass sich in der „Square Mile“ der wichtigste Finanzplatz der Welt etabliert hat. Entsprechend dicht reihen sich die internationalen Finanzunternehmen aneinander, das Panorama verdeutlicht diese Ballung sehr schön.

Die Tower Bridge wirkt verhältnismäßig klein im Vergleich zu den Wolkenkratzern, die sich in ihrer architektonischen Dominanz gegenseitig den Rang abzulaufen scheinen. Dabei liegt direkt neben der markanten Brücke eines der zentralen Gebäude der britischen Monarchie und beherbergt einen echten Schatz aus Gold und Edelsteinen. Die Festung zählt mittlerweile zum UNESCO Weltkulturerbe, diente aber bereits seit dem 11. Jahrhundert allen englischen Königinnen und Königen als Residenz, Waffenkammer, Rückzugsort oder auch als Zoo. Im Tower of London werden seit 1303 die britischen Kronjuwelen aufbewahrt.

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Die Tower Bridge eignet sich von jeder Blickrichtung und zu jeder tages- und Nachtzeit hervorragend als Bildmotiv. Die unverwechselbare Architektur macht die kombinierte Hänge- und Klappbrücke zu einer der beliebtesten und am meisten fotografierten Sehenswürdigkeiten in Großbritannien. Dabei wurde sie erst 1894 errichtet. Die oberen Stege dienen als Übergang für Fußgänger und zur Ableitung der horizontalen Kräfte der unteren Klappbrücke. Diese lässt sich innerhalb von zwei Minuten hochklappen, bis 1974 immerhin nur mit Dampf- und Wasserkraft!

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Das sehr markante Panorama lässt sich auch für dramatische Gegenlichtaufnahmen nutzen. Eine lange Brennweite in Kombination mit einer vergleichsweise langen Belichtungszeit schafft eine Anmutung, als würde die untergehende Sonne wie ein Fußball der Tower Bridge ins netz gehen.

Die Tower Bridge wird aufgrund ihrer Beliebtheit gerne mit der London Bridge verwechselt, die aber etwas weiter flussaufwärts liegt. Dabei handelt es sich bei dem aktuellen Brücken-Exemplar um die erst 1972 fertiggestellte Version, die Vorgängerin wurde 1968 vom amerikanischen Unternehmer Robert McCulloch gekauft, abgetragen und in Lake Havasu City/Arizona wieder aufgebaut. Im Gegensatz zur Tower Bridge verfügt die London Bridge vielleicht über den aufmerksamkeitsstärkeren Namen, aber nicht über das interessantere Äußere.

Bewegen wir uns entlang der Themse weiter flussaufwärts, erreichen wir nach einigen weiteren Windungen des Stroms die Westminster Bridge. Die Auto- und Fußgänger-Brücke steht architektonisch ebenfalls hinter der Tower Bridge zurück, sie schafft es aber auf viele Schnappschüsse und Profi-Fotografien aufgrund ihrer Nachbarschaft. Auf der einen Themse-Seite liegt direkt neben der Brückenauffahrt als Teil des Palace of Westminster der Elizabeth Tower. Dieser hieß bis 2012 offiziell Clock Tower und wurde dann aus Anlass des 60-jährigen Thronjubiläums von Königin Elisabeth II. umbenannt. Dieser Turm trägt die bekannte Glocke Big Ben, deren Glockenschlag auch vom britischen Volk als Voice of Britain bezeichnet wird. Der gesamte Elizabeth Tower wird sehr oft (und fälschlicherweise) als Big Ben bezeichnet.

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Der Palace of Westminster wurde ursprünglich als königliche Residenz entworfen und gebaut, seit 1529 hat aber kein englischer oder britischer Monarch von der edlen Übernachtungsmöglichkeit mehr Gebrauch gemacht. „Westminster“ wird bereits seit geraumer Zeit aus Synonym für das britische Parlament gebraucht, da sich dort das Ober- und Unterhaus befinden. Das Dreigestirn aus Palast, Uhrenturm und Brücke erlaubt viele sehr interessante Blickwinkel und Motivansichten. Wer es lieber etwas mysteriöser mag, kann die in London sehr oft anzutreffenden Inversionswetterlagen nutzen, die durch Nebel und SMOG die Themse-Metropole ins Zweilicht legen. Jack the Ripper lässt grüßen. Natürlich scheint auch in London regelmäßig die Sonne, im Vergleich herrschen in der britischen Hauptstadt ziemlich milde Temperaturen. Die Verbindung von Sonne, Bewölkung und Spiegelung im River Thames lässt sich mit einer moderaten Langzeitbelichtung sehr schön festhalten. Bei diesem Gegenlicht ist ein Verlaufsfilter unerlässlich, um wichtige Details des Bildes durch eine Überbelichtung nicht zu verlieren. Ein ND-Filter wurde eingesetzt, um die lange Belichtungszeit zu ermöglichen, die für den Fließeffekt des Wassers unerlässlich ist.

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Andererseits bildet der Elizabeth Tower mit seiner statischen Beleuchtung und dem markanten Ziffernblatt einen sehr schönen Kontrapunkt zu dem geschäftigen Autoverkehr. Um auch die Lichter der bekannten Doppeldeckerbusse einfangen zu können, sollte man sich so platzieren, dass auch vertikal ausreichend „Luft nach oben“ vorhanden ist. Die Londoner sind, wie bereits angedeutet, in Bezug auf die zahllosen Fotografen völlig schmerzfrei und sehen etwaige Behinderungen mittlerweile als naturgegeben hin. Bei komplexen Langzeitaufnahmen könnten Sie höchstens andere Touristen oder Fotografen als störend empfinden.

Begeben wir uns aber jetzt doch auch mal auf eine besondere Sightseeing-Tour: Londoner Stadteile und Bahnhöfe, die in weltbekannten Romanen vorkommen. Chronologisch gesehen beginnen wir mit Paddington, einem Stadtteil der City of Westminster. Das Quartier an sich ist nicht so bekannt wie der dazugehörige Bahnhof, der zu den wichtigsten Verkehrsknotenpunkten Londons gehört. Nach diesem Bahnhof wurde der Bär Paddington im Roman von Michael Bond benannt. Und wer erinnert sich nicht an die schrullige Miss Marple, die einen Mord im Zug „16 Uhr 50 ab Paddington“ beobachtet?

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Nichtsdestotrotz finden sich auch in dem Miteinander von älterer und moderner Architektur des Stadtviertels Bildachsen, die nur darauf warten, auf eine Speicherkarte gebannt zu werden. Die Spezialdisziplin der Langzeitbelichtung arbeitet hauptsächlich mit der Spannung zwischen statischen und beweglichen Bildteilen. Diese Herangehensweise lässt aber natürlich auch Mischformen zu, die den Betrachter zweimal hinschauen lassen. In diesem Bild übernehmen die Gebäude den statischen, das Wasser des Themse-Nebenkanals den beweglichen Part. Die Flussschiffe bewegen sich zwischen diesen polen, da sie augenscheinlich fest vertäut sind, aber durch die Wasserbewegung trotzdem eine gewisse Unschärfe aufweisen. Dieses fotografische Ergebnis erfordert einen genauen Blick und die schnelle gedankliche Einsortierung der Bildelemente. Ansonsten ergeben sich wirklich nur Zufallstreffer.

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Der zweite Bahnhof unserer speziellen Foto-Tour ist „London King’s Cross Station“. Als weiterer Hauptbahnhof von London wurde diese Station nach einem Denkmal von König Georg IV benannt, das aber schon lange nicht mehr existiert. Literarisch erwähnt wird King’s Cross in den Harry Potter Romanen, von hier aus fährt der Zauberlehrling ins Internat. Zu Ehren der nun weltberühmten Autorin Joanne K. Rowling wurde zwischen den Bahnsteigen 4 und 5 ein Schild mit der Aufschrift „Platform 9 3/4“ angebracht. Von diesem Gleis startet im Roman der Hogwarts-Express.

Das für diesen Beitrag gewählte Motiv zeigt einen Teil der spektakulären Überdachung der neuen Schalterhalle. Die netzartige Struktur stellt auch einen schönen Kontrast zu der Architektur des 19. Jahrhunderts dar. Ähnliche Fotografien leben von den Negativformen, die sich aus der Wahl des Ausschnitts ergeben. In der Gesamtheit ist die neue Schalterhalle natürlich auch sehr sehenswert, aber erst im Detail lassen sich überraschende Einblicke komponieren.

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Nach diesem Abstecher in die Belletristik können wir uns nun wieder mit voller Aufmerksamkeit den Motiven entlang der Themse widmen. Direkt auf Höhe der St Paul’s Cathedral, einer der größten und bekanntesten Kathedralen der Welt, überspannt seit Mitte 2000 die Millennium Bridge die Themse. Sie ist eine reine Fußgängerüberquerung, die als erdverankerte Hängebrücke konzipiert und realisiert wurde. Die „luftige“ Bauweise soll garantieren, dass man vom Südufer einen ungestörten Blick auf die gegenüberliegende Kathedrale genießen kann. Diesen Vorteil haben wir direkt genutzt und die sehr futuristische Brücke direkt vom Strand aus in der Abenddämmerung und in der Nacht fotografiert.

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Der ständige Schiffsverkehr auf der Themse sorgt für die charakteristischen Bewegungsschlieren, die Froschperspektive lässt die Brücke direkt in der Häuserfront vor der St Paul’s Cathedral verschwinden.

Fazit

Die britische Hauptstadt lässt sich natürlich nicht während eines Kurztrips fotografisch angemessen würdigen. Durch die thematische Konzentration auf Blickwinkel vom Themse-Strand aus, oder die Planung nach Handlungsorten bekannter Romane kann man auch mit der nötigen Stringenz einen interessanten Teilbereich dieser Mega-Metropole „abarbeiten“. Jedes Fotoalbum startet mit einem ersten Bild. Beginnen Sie gerne in London!

Fotografen: Thomas Güttler, Tom Hoff

28. Oktober 2016 | Allgemein |

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