Fotografie von Städten & Sehenswürdigkeiten Teil 8: Landschaftspark Duisburg-Nord: Altes Eisen im neuen Licht

Der mittlerweile achte Teil der „Serie: Fotografie von Städten und Sehenswürdigkeiten“ beschäftigt sich auch hier mit der beeindruckenden Geschichte der Großindustrie im Ruhrgebiet. Der Landschaftspark Duisburg-Nord hat ein Geheimnis, das er interessierten Fotografen nur in der Nacht offenbaren kann …

Der Landschaftspark Duisburg-Nord entstand letztendlich als Ergebnis der Verbundenheit der Duisburger Bürger mit ihrer Industriekultur. Das 1901 gegründete Hüttenwerk in Duisburg-Meiderich unterlag im Jahre 1985 im erbarmungslosen Wettrennen um Effektivität und Produktivität den umliegenden, viel moderneren Roheisenproduktionsstätten. Drei der ursprünglich fünf Hochöfen standen noch, sollten dann aber mit dem Rest der Anlage abgerissen werden. Eine Bürgerinitiative verhinderte dies noch rechtzeitig und in Folge wurde die Neugestaltung im Rahmen der Internationalen Bauausstellung „Emscher Park“ als Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Die Landschaftsarchitekten Peter Latz + Partner entschieden den Contest für sich und schufen eine Landschaft, die die reiche Industriegeschichte des Ruhrgebiets mit sinnvollen und phantasiereichen Nachnutzungsideen verbindet.

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Als Mekka für Fotografen hat sich der Landschaftspark Duisburg-Nord aber hauptsächlich durch die beeindruckende Arbeit von Jonathan Park entwickelt. Der britische Lichtdesigner taucht normalerweise Konzerte von Musiklegenden wie Pink Floyd oder Tina Turner in farbiges und abwechslungsreiches Licht, in Duisburg-Meiderich verwandelte er Funktionsbauten aus Stahl, Stein und Beton in Skulpturen, die sowohl als Einzelobjekt wie auch als eine zusammenhängende Gesamtinstallation zu neuem Leben kommen. Dabei setzt er nicht nur auf statische Beleuchtungen, die Farben und Schwerpunkte der Lichter wechseln wie ein eigener Fertigungsprozess im doch schon lange stillgelegten Hüttenwerk. Pünktlich nach Einbruch der Dunkelheit schaltet ein Dämmerungssensor das Licht ein und um 1 Uhr nachts wieder aus. Dazwischen stehen die 230 Hektar als quasi unerschöpfliches Motiv-Jagdrevier für Profi- und Amateurfotografen zur freien Verfügung.

Aber genug der einleitenden Worte, schauen wir uns den Landschaftspark Duisburg-Nord unter der Beleuchtung von Jonathan Park im Detail an:

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Selbst eher unspektakuläre Ecken und Winkel des auch als „LaPaDu“ bekannten Areals gewinnen durch die Lichtinstallation enorm an Dramatik. Findet man dann auch noch die passende Perspektive, wird aus einer ganz normalen V-förmigen Verstrebung plötzlich die Bündelung von roten Strahlen auf einem Fokuspunkt auf dem gepflasterten und meist sogar feuerfesten Werksboden. Die ganzflächige Illumination der Hauswand im linken Bildbereich lockt dabei schon gleich wieder von diesem Ort weg, die Neugierde ist einfach zu groß, etwas Spanendes verpassen zu können.

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Doch dreht man sich einfach mal auf der eigenen Achse um ca. 180°, findet man schon den nächsten Spot. Dieses Erlebnis ist symptomatisch für den gesamten LaPaDu, wie auch in der Zeche Zollverein könnte man in dieser riesigen Symbiose zwischen Industrie, Natur und Licht Wochen oder Monate verbringen, um keinen interessanten Anblick auszulassen. Selbst auf den ersten Blick geraten „simple“ Durchgänge zwischen den verschiedenen Anlagen zu ablichtungswerten Motiven mit einer eigenen Dramatik.

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Drei besondere Aspekte haben unserer Meinung nach dazu geführt, dass der Landschaftspark Duisburg-Nord nicht nur regional, sondern auch national und international zu einem dauerhaften Erfolg geworden ist und jährlich Tausende Besucher und sehr viele Fotografen in seinen Bann zieht:

Zum einen wurde die, während der industriellen Nutzung dieses weiträumigen Areals „gebändigte“, Flora und Fauna befreit und tief in die Folgekonzepte miteingebunden. Im Ruhrgebiet bildet die „Industrienatur“ quasi eine eigene Kategorie, die sich durch spezielle Eigenschaften auszeichnet. Pioniervegetation kann hier „live und in Farbe“ studiert werden, der Vorwald (Industriewald) breitet sich betreut wieder aus. Diese Form der sanften Beforstung unterscheidet sich deutlich von der Verwilderung mancher Industrie-Brachflächen. Fotografisch rückte dieser Aspekt während der nächtlichen Aufnahmen ein wenig in den Hintergrund, nahm aber natürlich auf einigen Bildern den ihm zustehenden Platz ein.

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Als zweite wichtige Säule des Erfolgs sehen wir die aufwendige Renovierung der Gebäude und Hallen sowie die stimmige Ansiedlung von Kultur-, Kreativ- und Innovationsgewerbe an. Auch hier gibt es deutliche Parallelen zur Zeche Zollverein, die ebenso behutsam ins dritte Jahrtausend gebracht wurde. Bei beiden industriellen Ikonen hat man darauf geachtet, dass die ursprüngliche Rauheit der Anlagen und der Gebäude bewahrt und trotzdem infrastrukturell auf den neuesten Stand gebracht werden konnte. Daher wirken manche Ecken völlig unberührt und übersehen, obwohl sie ganz bewusst in die Balance zwischen Authentizität und Neudefinition einsortiert wurden.

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Diese Winkel abseits der Haupt-Illumination halten für Fotografen ebenfalls eine Vielzahl von Motiven bereit, um Ge- und Verbrauchsspuren zu dokumentieren, die „echt“ und über viele Jahrzehnte entstanden sind. Gleichfalls ein reichhaltiges Forschungsgebiet für Ausstatter und Bühnenbildner, die Inspirationen und Vorlagen für Projekte im Industrieumfeld suchen.

Als dritten und für Fotografen vielleicht attraktivsten Aspekt gesellt sich die geniale Lichtinstallation von Jonathan Park hinzu. Diesen Faktor beleuchten wir in diesem Blogbeitrag verständlicherweise am intensivsten. Zwar stellt ein mehr als 230 Hektar großes ehemaliges Hüttenwerk ein sehr dankbares „Opfer“ für ein spektakuläres Beleuchtungskonzept dar. Die sorgfältige, manchmal auch augenzwinkernde, aber immer stimmige Fokussierung auf die funktionale Struktur, die zur einzigartigen Skulptur verwandelt wird, macht den Charme und die Authentizität der Illumination aus. Mit Licht kann man ohne Frage auch billige und aufmerksamkeitsheischende Effekte erzielen, oder wie in diesem Fall die Würde und die Geschichte der Anlagen berücksichtigen und in den Mittelpunkt rücken.

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Bereits aus einiger Entfernung kann sich das Auge des Betrachters in dem vermeintlichen Wirrwarr der Verstrebungen, Leitungen und Geländern verirren. Die raffinierte Beleuchtung sorgt dafür, das sowohl zweidimensionale Strukturen entstehen, aber auch die Gesamtheit in allen Dimensionen erkennbar bleibt.

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Nähert man sich weiter an, verschmelzen die filigranen Strukturen vollkommen und ergeben ein betörendes Durch- und Miteinander von Mustern, Farben und Formen. Die wechselnde Beleuchtung fügt diese Elemente immer wieder zu neuen Konstellationen zusammen.

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Um den Gesamtumfang der Kontraste und Farben aufnehmen zu können, arbeitet man auch hier mit einem guten Stativ, Neutraldichte-Filtern und variierender Belichtungszeit. Dafür bieten sich Kabelfernauslöser an, die auch minimalste Erschütterungen durch die Betätigung des Auslösers vermeiden und dem Fotografen die größtmögliche Flexibilität in Bezug auf Belichtungsdauer und Anzahl der gewünschten Aufnahmen bieten.

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Wechselt man dann wieder den Standort und versucht sich in Froschperspektiven, ergeben sich schon wieder unzählige Flächen, Lichtreflexe und Überscheidungen. Dieses Potential zu erkennen und auszureizen, gehört sicherlich zu den größten Leistungen des Lichtkünstlers Jonathan Park. Neben den weichen Verläufen an Rundungen erscheinen harte und klar abgegrenzte Farben schon fast wie eine 3D-Computergrafik:

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Die vertikalen Linien und Flächen stehen im klaren Kontrast zu den horizontal beleuchteten Elementen. Diese Effekte erkennt man als Fotograf, wenn man sich vollkommen auf das Motiv einlässt und ohne Vorurteile oder Erwartungen die Eindrücke einfach einwirken können. Extrem wichtig ist auch hier ein bombenfest stehendes Stativ, ansonsten könnten die Gitterabdeckungen nicht wie Haarlinien erscheinen und den Charakter einer technischen Zeichnung verstärken.

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Spielt man hingegen „über Bande“ und setzt reflektierende oder sogar spiegelnde Flächen ein, kann durch die Fokussierung auf die Oberfläche ein interessanter Umkehreffekt erzeugt werden: Die eher organische und ausgewaschene Struktur der Bodenplatten wirkt plötzlich extrem kontrastreich, die farbig akzentuierten Metallobjekte verlieren ihre Härte und werden fast zu Körpergliedern eines vorbeihuschenden Monsters. Selten hat man eine derartige Bandbreite von optischen Gestaltungsmöglichkeiten zur Verfügung wie im Landschaftspark Duisburg-Nord.

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Aus industriellen Anlagen mit dem technischen Entwicklungsstand des letzten Drittels des letzten Jahrhunderts wird mit der richtigen Beleuchtung ein futuristisch anmutendes Ensemble, das ohne Zweifel auch einer Science-Fiction-Verfilmung gut zu Gesicht gestanden hätte. Die Wahl des Elements für die orange Beleuchtung kann man schon als schlichtweg genial bezeichnen. Mit der Zentralperspektive und der Weitwinkel-Brennweite kommt dieser Effekt erst richtig zur Geltung. Wieder ein typisches und sehr schönes Beispiel für den fotografischen Instinkt, der sich mit zunehmender Erfahrung auch immer weiter ausprägt.

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Das Ausgangsmotiv für den bereits erwähnten 3D-Effekt noch einmal in voller Größe. Die liebevoll als „Krokodil“ bezeichnete ehemalige zentrale Laderampe des Hüttenwerks Duisburg-Meiderich kann man sich aufgrund der dramatischen Beleuchtung und der gewählten auch sehr gut als monströsen Kampfroboter aus einer weltbekannten Weltraum-Saga vorstellen.

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Diese Assoziation lässt sich mit einer eigenen Pyro-Ausrüstung natürlich noch beliebig verstärken.

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Der Kosenamen „Krokodil“ erschließt sich aus dieser Perspektive und ein wenig mehr Abstand tatsächlich viel besser. Hier erhält man auch wieder einen Vorgeschmack auf das enorme Motivpotential des LaPaDu.

Streunen wir ruhig noch ein wenig über das Gelände und erkunden ein paar mysteriöse Passagen …

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… oder interessante Strukturen, die umso spannender wirken, je stärker sie aus dem Zusammenhang gerissen werden. Denn gerade die Abstraktion dieser einstmals so sinnvollen und wichtigen Leitungen, Streben, Trägern, Verbindungen, Hinweisschildern, Sicherheitsabsperrungen oder Wartungszugängen schafft einen sich ständig wieder neu erschaffenden Meta-Zusammenhang oder auch einfach nur spannendes und dekoratives Chaos.

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Hier kann man tatsächlich Stunden an einem einzigen Standort verbringen, um mit Ausschnitten, Belichtungszeiten oder Filtern zu experimentieren.

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Jonathan Park leuchtete auch nicht alles aus, sondern ließ bewusst Elemente im Dunkeln, die man dann als Hintergrund oder Negativform vor dem Horizont einbauen kann. Die Anregungen und die kreative Energie, die aus dem Besuch des Landschaftsparks Duisburg-Nord entstanden, wirkten sogar noch während der Rückreise nach und führten zu spontanen Langzeitaufnahmen auf der Autobahnbrücke. Eine Session, die noch lange nachwirkte.

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Fotograf: Olav Brehmer

23. September 2016 | Allgemein |

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