Fotografie von Städten & Sehenswürdigkeiten Teil 13: Städte-Fotografie – Mallorca: Jenseits der Schnappschüsse

Der 13. Teil unserer „Serie: Fotografie von Städten und Sehenswürdigkeiten“ unterscheidet sich vom vorhergehenden Beitrag, der nur eine einzige Straße in Melbourne betrachtete, dadurch, dass wir uns jetzt einer ganzen Insel widmen. Die Balearen-Insel Mallorca bietet so viel mehr, als mit den allermeisten Kompaktkameras und Smartphones abgelichtet wird.

Mallorca polarisiert. Das ständig als die „beliebteste Ferieninsel der Deutschen“ bezeichnete Eiland bedient auf der einen Seite natürlich alle gängigen Klischees und Vorurteile. Begriffe wie „Ballermann“, „König von Mallorca“ und Yellow-Press-Meldungen über B–Z-Promis überschwemmen die einschlägigen Magazine und Schmonzetten, andererseits weiß eigentlich jede Besucherin und jeder Besucher, dass sich die dazugehörigen Geschichten nur innerhalb eines sehr kleinen Mikrokosmos abspielen, die Insel aber zu 95 Prozent einfach eine extrem sehenswerte und oftmals auch knorrige Natur sowie nette und unverdorbene Menschen zu bieten hat. In diesem Blogbeitrag wollen wir uns der Schönheit der Natur und auch der typischen Architektur widmen und Mallorca durch die Filtergläser verschiedener Langzeitaufnahmen betrachten.

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Am westlichsten „Zipfel“ der siebtgrößten Mittelmeerinsel liegt der Hafenort Port d’Andratx in einer malerischen Bucht, die maritime Infrastruktur für die zahlreichen Jachten und Boote sorgt tagsüber für ein lebhaftes Gewusel. Abends und in der Nacht kann man aber einen herrlichen Sonnenuntergang erleben, nicht nur bei wolkenfreiem Himmel. Die fast spiegelglatte See stellt einen schönen Kontrast zur zerfurchten Bewölkung dar, die Sonne findet trotzdem sicher ihren Weg durch die unterschiedlich geformten Wolkenfetzen.

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Langzeitfotografie mit Neutraldichtefiltern auf Mallorca lässt die vergängliche Geschäftigkeit, den Ego-Trubel und die über-hypten Möchtegern-Promis komplett verschwinden und konzentriert sich ausschließlich auf die Bildelemente, die auch nach 30 Sekunden oder einer Minute noch stillhalten können.

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Dazu gehören auf jeden Fall architektonische Highlights wie die Kathedrale der Heiligen Maria in Palma, die im katalanischen Volksmund ganz pragmatisch nur “ La Seu“ – der Bischofssitz – genannt wird. Sowohl innen aus auch von außen beeindruckt die Höhe der gotischen Säulen und des Hauptschiffes, obwohl kein „richtiger“ Turm vorhanden ist. Sobald die Beleuchtung zum Einbruch der Dunkelheit eingeschaltet wird, ergeben sich sehr schöne Ansichten für Langzeitaufnahmen, insbesondere über das Wasser des Parc de Mar gesehen. Die Spiegelung der Kathedrale und der Lichter im geglätteten Wasser verschafft dieser Perspektive eine leicht surreale Atmosphäre. Die anderen Parameter dieses Bildes wurden nur minimal angepasst und korrigiert, mystischere Bilder erzeugt man mit der Kombination von Langzeitaufnahme, Filter und Umwandlung in Monochrom-Aufnahmen. Neben den vielen Errungenschaften der digitalen Fotografie darf man nicht vergessen, dass es mit Verschwinden der Filme keine „echte“ Schwarz-Weiß-Fotografie mehr gibt. An den kompletten RAW-Daten kommt auch der nicht vorbei, der das Spektrum zwischen strahlendem Weiß und sattem Schwarz benötigt. Daher können SW-Fotos nur durch nachträgliche Bildbearbeitung erzeugt werden.

Ein sehr schönes Beispiel für das Zusammenwirken von Langzeitbelichtung und Umwandlung in Monochrom-Daten stellt sicherlich die folgende Aufnahme dar:

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Auf den ersten Blick könnte das Motiv auch das Display eines Smartphones zieren, die professionelle Herangehensweise zeigt sich aber in der genauen Komposition und der Platzierung der Person in der Bildmitte. Diese musste natürlich in die Absichten des Fotografen eingeweiht werden, ansonsten wäre das „Auslöschen“ sämtlicher weiterer Menschen auf dem Bild nicht umsetzbar gewesen. Aber die „versteinerte“ Person musste nicht allzu lange stillstehen, das verrät die noch sichtbaren Kontraste in der Wolkendecke.Die vertikal mittige Ausrichtung der Wasserlinie lässt auch darauf schließen, das sich hinter dem Okular ein erfahrenes Auge befand. Dieses konnte bereits im Vorwege die strukturelle Ähnlichkeit von Himmel und Wasserfläche im Zuge der Langzeitbelichtung vorausahnen und hat daher beiden Flächen gleich viel Platz eingeräumt. Die nachträgliche Umrechnung in ein leichtes Sepia-Monochrom-Bild versetzt den Steg und den kleinen, stets gut besuchten Felsen bei Camp de Mar fast in die unberührte Vergangenheit der Balearen-Hauptinsel.

Das ungeheure kreative Potential von Langzeitbelichtungen und der gekonnten Filterfotografie erschließt sich auch dem kundigeren Betrachter am besten mit Side-by-Side-Serien. Nachfolgend zeigen wir Ihnen zwei wirklich gelungene Aufnahmen, das Motiv entwickelt bereits in der sehr kurz belichteten Variante eine schöne Dramatik und lässt uns die ungezügelte Kraft von Wasser und Witterung spüren.

 

Das Meer zeigt sich ziemlich ungemütlich, eine typisches Urlaubs-Feeling will nicht so recht aufkommen. Hier spielt sicherlich auch der bedeckte Himmel eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Brandung wird ebenfalls genau sichtbar.

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Eine vollkommen andere Wirkung versprüht aber die deutlich länger belichtete Aufnahme. Die raue Oberfläche der Felsenbrücke erscheint durch den längeren Lichteinfall heller und kontrastreicher, der Himmel hat sich in seiner Zeichnung kaum verändert, aber einen leichten Blaustich erhalten. Die größten Unterschiede zeigen sich aber natürlich im Wasser. Die weißen Brandungsblasen haben sich in Puderzucker verwandelt, der in seinen Abstufungen an die Bewegungsschlieren bei Comic-Zeichnungen erinnert. Das Meer hat seine komplette Oberflächen-Struktur eingebüßt, dafür sieht man durch die Michglasoptik des azurblauen Wassers sehr genau den Meeresboden in den unterschiedlichen Tiefenstufen. Die stärkste Wirkung der Langzeitbelichtungs- und Filter-Kombination sieht man wohl unter dem rechten Felsüberhang. Hier ist kaum noch Zeichnung zu erkennen, der Schattenwurf wirkt fast ein wenig künstlich.

Fotografen, die kein Problem mit aufwendiger Bildbearbeitung und Neukomposition haben, könnten die raue See der ersten Aufnahme mit der sehr detaillierten Zeichnung des Felsen auf der Langzeitbelichtung kombinieren. Ob sich die bereits sehr starke Ausstrahlung noch weiter erhöht, sei aber dahingestellt.

Wenden wir uns zwischendurch einer Motiv-Kategorie zu, die man auch eher nicht auf Mallorca vermutet. Die sogenannten „Lost Places“ sind Orte, Bauwerke und auch historisch bedeutsame Plätze, die seit längerer Zeit einfach aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden sind. Verrottete, zusammengestürzte oder durch Graffiti-Botschaften und -Werke verzierte Krankenhäuser, Kasernen oder andere militärisch genutzte Gebäude, aber auch Kirchen, Tunnel, Brücken, Flugplätze oder Hafenanlagen zählen mit zu den vergessenen Orten. Es gibt etliche Fotografen, die sich ausschließlich mit dieser Kategorie beschäftigen und noch viel mehr, die auch hin und wieder ihre Ausrüstung zusammenpacken und sich auf Entdeckungstour begeben. Für Anregungen oder konkrete Ortsangaben empfiehlt sich eine ausgiebige Google-Suche.

Welches entsprechende Potential auch auf der Balearen-Hauptinsel schlummert, lassen wieder die sehr stimmungsvollen Fotografien von Boris Ruth erkennen, der uns mit allen aufgeführten Mallorca-Bildern versorgt hat.

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Zum einen sehen wir die Innenansicht eines Gebäudes der Anlage Forte Illeras, einer ehemaligen Kaserne im Westen Mallorcas. Das spanische Militär reagiert üblicherweise sehr empfindlich, wenn man sich Soldaten, Gerätschaften und Gebäuden mit Kameras nähert. Daher bietet es sich immer an, sehr zurückhaltend zu agieren, um keine folgenschweren Missverständnisse zu verursachen. Die oben abgebildete Anlage ist aber offensichtlich nicht mehr „im Dienst“, daher kann man sich als Fotograf hier frei bewegen. Boris Ruth beschreibt die Lichtsituation als sehr herausfordernd, da bei starkem Sonnenschein extreme Kontraste auftreten, die bewältigt werden müssen. Er bedient sich als erfahrener Fotograf seiner hochwertigen Rollei-Filter, um die gewünschte Bildwirkung zu erzielen. Die Graffiti und der sehr stark strukturierte Boden haben ihn bewogen, die Farben vollkommen unbearbeitet zu lassen. Eine ganz andere Stimmung vermittelt aber das folgende Bild aus der selben Anlage:

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Das steinerne Wachhäuschen wirkt fast wie ein Einstieg zur Unterwelt, die langen Schatten und die dramatische Wolkenbildung verstärken die gruselige Grundstimmung noch weiter. Der besondere Reiz des monochromen Bildes liegt wohl auch darin begründet, dass trotz der „Spooky“-Optik immer noch die Sonne geschienen hat. Die Lebendigkeit der Sträucher steht im krassen Gegensatz zum längst verlassenen Postenhäuschen.

Bleiben wir noch ein wenig in der Gothic-Optik. Die beiden nachfolgenden Bilder würden Sie doch eher auf einer Atlantikinsel oder an der Küste Islands verorten? Sie wissen ja nun, dass wir uns mit Mallorca beschäftigen, daher befinden Sie sich ein wenig im Vorteil. Aber zeigen diese sehr schönen Fotografien nicht die ungeheure Vielfalt von Mallorca?

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Stärker hätte hier der Kontrast zwischen den extrem zerklüfteten und sehr kleinteilig bewachsenen Felsen und dem durch die Langzeitbelichtung verwaschenem Meer und Himmel nicht ausfallen können. Am Südkap der südwestlich vorgelagerten Insel Sa Dragonera könnte sich gut und gerne auch der Rand der Welt befinden. Einen einzigen Schritt weiter und man fällt ewig lange ins Nichts. Für diese Aufnahme hat Boris Ruth sein ganzes Können und seine Erfahrung eingebracht, dem seitlichen Lichteinfall begegnete er mit mehreren Verlaufsfiltern.

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Der Süden der Sonneninsel wird natürlich auch von Mallorquinern bewohnt, dieses Bild lässt aber eher auf Wikinger schließen. Können Sie sich vorstellen, dass in einem Hochglanzprospekt mit dieser Aufnahme für einen Pauschalurlaub geworben werden könnte? Diese sorgfältige konzipierte und realisierte Langzeitbelichtung könnte zwischen den farblich übersteuerten und massiv retuschierten Hotelfotos überhaupt nicht ihre melancholische Stimmung entwickeln und würde einfach überblättert werden. Wer aber nicht nur Mallorca, sondern seine gesamte Umwelt differenzierter und offener betrachtet, auch mit bewussten Brüchen und unvermeidlichen Widersprüchen leben kann, sieht dieses Schwarz-Weiß-Bild als ein vortreffliches Beispiel der rauen und unbezwingbaren Natur des Mittelmeerraumes.

Tiere lassen sich natürlich nicht mit einer Langzeitbelichtung fotografisch „einfangen“, hier muss man den genau entgegengesetzten Weg wählen und lange Brennweiten mit sehr kurzen Belichtungszeiten kombinieren. Dann wird man aber auch mit sehr schönen Momentaufnahmen der vielfältigen Fauna belohnt.

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Bei dem stolzen weißen Vogel handelt es sich übrigens um einen Seidenreiher, der sich seiner majestätischen Erscheinung sehr bewusst ist. Der Tiefenschärfen-Bereich wurde hier perfekt gewählt, um den Vogel auf seiner Position zu verorten, aber auch einen möglichst großen Kontrast zwischen unscharfem Hintergrund und detaillierten Körper zu erzeugen.

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Die frechen Finken wurden aber tatsächlich mit einem leichten Softfilter ausgenommen, um die fröhliche und positive Grundstimmung des Motivs noch weiter zu unterstreichen. Konnten wir Sie ein wenig motivieren, sich während Ihres nächsten Aufenthalts auf Mallorca abseits der üblichen Wege zu begeben und die Vielfalt dieser Insel zu erleben und abzulichten? Wir freuen uns auf Ihre Bilder!

Fotograf: Boris Ruth

2. Dezember 2016 | Allgemein |

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