Fotografie von Städten & Sehenswürdigkeiten Teil 4: Städte-Fotografie – Hongkong: Leben auf engstem Raum

Der vierte Teil unserer „Serie: Fotografie von Städten und Sehenswürdigkeiten“ beschäftigt sich mit einer der größten Mega-Citys der Welt. Zu Hongkong gibt es interessanterweise keinen bekannten Slogan, daher richten wir unsere Kamera auf eine der Haupteigenschaften dieser Stadt: die Enge.

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Die Städte-Fotografie in Hongkong

Bei einer Gesamtfläche von knapp über 1100 km2 leben in Hongkong mehr als 7,3 Millionen Menschen und damit ca. 6400 Personen auf einem Quadratkilometer. Nur Monaco hat mehr Einwohner auf weniger Fläche. Der Status als britische Kronkolonie trug bis 1997 maßgeblich zu dem enormen Bevölkerungsanstieg bei. Zum einen konnte der Platz Richtung Volksrepublik China nicht erweitert werden, andererseits flohen gerade zu Beginn des letzten Jahrhunderts unzählige Festlands-Chinesen nach Hongkong. Anfänglich in schlimmsten Slums untergebracht, wurden die Menschen nach einem verheerenden Brand ab 1954 in Gebäuden des Public-Housing-Programms untergebracht. Aus diesen entwickelten sich dann die vielen Wolkenkratzer der Wirtschafts- und Handelsmetropole.

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Dabei sind in den Hochhäusern eben nicht nur Firmen oder Behörden untergebracht. Ein staatlich forcierter Mix aus Wohnungen in den oberen Stockwerken und Geschäften und Büros in den straßennahen Etagen führte zu einigermaßen autarken Wohngebieten, die sich in anderen Städten und Ländern horizontal ausdehnen, in Hongkong aber eben vertikal angelegt sind. Dieses einmalige Wohnungsbauprogramm konnte aber verständlicherweise nicht alle Bedürftigen in annehmbare und hygienisch einwandfreie Wohnungen verteilen. Der Schwarzmarkt im Immobiliensektor hat zwar seine Blütezeit hinter sich, aber immer noch lassen sich viele Tausend Hongkonger freiwillig in sogenannten Käfigwohnungen einpferchen: „Normale“ Wohnungen werden durch abschließbare Gitter in kleinste Parzellen geteilt, die dann auch noch von mehreren Menschen bewohnt werden. Privatsphäre? Fehlanzeige. Trotz dieser unglaublichen Verhältnisse gönnt sich die chinesische Sonderwirtschaftszone immer noch etliche Parks, ein eigenes Disneyland und auch sehr beschauliche Viertel, die von sehr wohlhabenden Hongkong-Chinesen bewohnt werden.

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Die fast schon betuliche und kitschige Atmosphäre dieser sehr gepflegten Bilderbuch-Häuschen, die typischen chinesischen Brücken und das Meer aus Lampions in unterschiedlichsten Farben könnten den Besucher schon eine Zeit über die brodelnde Enge der Hafen- und Bankenstadt hinwegtäuschen.

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Farben der chinesischen Kultur

Die unterschiedlichen Farben der Lampions sind aber keinesfalls zufällig oder unbewusst gewählt worden. In der chinesischen Kultur spielen Farben neben den sehr grafischen Schriftsymbolen eine wichtige Rolle. Die genauen Bedeutungen aller Farben würden natürlich den Rahmen dieses Artikels sprengen, aber jede Farbe hat in der chinesischen Kultur eine bestimmte allgemein bekannte Bedeutung. Beispielsweise steht Rot für Glück, Wärme oder Feuer, Ruhm und Kraft. Gelb steht für Geduld, Toleranz und Weisheit.

Als Gesprächseinstieg mit einem Hongkong-Chinesen bietet sich aber eine entsprechende Frage zur Kultur oder der Bedeutung der Farben sehr gut an. Im Gegensatz zu den Angewohnheiten in Europa empfinden Asiaten Fragen nach ihrer Kultur oder Herkunft überhaupt nicht als aufdringlich oder sogar diskriminierend, sondern freuen sich tatsächlich über das Interesse und beantworten mit großer Geduld und gleichbleibender Höflichkeit auch sehr komplexe Fragestellungen.

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Für die Aufnahme dieser sehr traditionell angehauchten Ansichten und der schön spiegelnden Wasserflächen bietet sich natürlich ein entsprechender neutraler Graufilter an. Durch die im Hintergrund liegenden Hochhäuser und Hafenanlagen ist eine minimale Grundhelligkeit des Himmels garantiert.

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Ähnlich wie Las Vegas, Heldin unseres vorherigen Blogartikels dieser Serie, entwickelt Hongkong eben auch in der Nacht ein ganz besonderes Flair. Die Millionenstadt gründet auf einer Halbinsel und insgesamt 263 unterschiedlich großen Eilanden, von der Gesamtfläche können tatsächlich nur ca. 25 Prozent bebaut werden. Die Administration schafft zusätzlichen Platz durch Landgewinnung in den New Territories und im Victoria Hafen. Die Landschaft ist außerdem sehr zerklüftet, die vielen steilen Flächen nicht für Bauprojekte genutzt werden. Entsprechend hart sind die Übergänge zwischen urbanem und naturbelassenem Gelände. Dies zeigt sich zwar auch bei Tageslicht, aber besonders extrem und spektakulär in der Nacht.

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Das tropische Klima und die gesamt-chinesische SMOG-Problematik verleiht dieser Perspektive, gerade wenn man wieder etwas heraus zoomt, eine fast unwirkliche Leuchtkraft ähnlich eines nicht mehr lichterloh brennenden, sondern nur noch glimmenden und glühenden Feuers. Rundherum herrscht tiefste Finsternis, bedingt durch die Waldflächen und das südchinesische Meer.

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Die Aussicht vom Victoria Peak gehört zu den bekanntesten Blickwinkeln auf die ehemalige britische Kronkolonie. Mittlerweile sind die Gegensätze zwischen Kapitalismus in Reinkultur und der maoistischen Philosophie von Rotchina von beiden Seiten her weitgehend aufgelöst worden. Die Finanzwirtschaft gilt in Hongkong zwar immer noch als ziemlich unreguliert, die Öffnung der Volksrepublik für privatwirtschaftliche Initiativen hat aber entscheidend für den Aufschwung im Reich der Mitte beigetragen. Natürlich profitiert das Mutterland enorm von den weit verzweigten Finanztransaktionen in den Palästen aus Stahl, Glas und Beton zwischen Lantau Island und Kowloon. Nichtsdestotrotz erstaunt der Reichtum mancher Hongkong-Chinesen auch heute noch so manchen Festlands-Chinesen, die nicht auf viele Jahrzehnte ungehemmten Wachstums zurückblicken können. Synonyme dieser Gegensätze findet man als Fotograf zuhauf.

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Bei einer derart dankbaren Kulisse bietet es sich dann auch an, mit Filtern und Stativ überzeugende Langzeitbelichtungen einzufangen.

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Das Riesenrad in voller Pracht mit traumhaften Bewegungsschlieren vor dem Skyscraper-Panorama wäre ohne die Verwendung hochwertiger Neutraldichte-Filter und eines sehr standfesten Stativs schlichtweg unmöglich zu fotografieren gewesen.

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Natürlich lässt ein Weitwinkelobjektiv die Wolkenkratzer in eine gemeinsame Fluchtlinie zeigen und ermöglicht eine Bildaussage, die die hohe Geschwindigkeit des alltäglichen Lebens und das Streben nach wirtschaftlichem Erfolg in dieser sehr beengten Stadt sehr eindringlich verdeutlichen kann.

Wie auch New York und Las Vegas kommt Hongkong niemals zur Ruhe, stets herrscht auch zu nachtschlafender Zeit reger Verkehr auf den verschiedenen Tangenten. Die Wirtschaft hat sich von einer eher industriellen Ausrichtung Mitte des letzten Jahrhunderts (Made in Hongkong) in Richtung Handel und Finanzdienstleistung gedreht. Produktion und Industrie macht nur noch einen sehr geringen Prozentsatz des Bruttosozialprodukts aus. Die Fabriken sind auf das Festland gewandert und haben sich im Delta des Perlflusses niedergelassen. Die entsprechende Lücke wurde aber sehr schnell von der dann boomenden Finanzbranche geschlossen. Der stetig durch Landgewinnung wachsende Hafen ist ein wichtiger Warenumschlagsplatz zwischen China und den anderen asiatischen Staaten und der restlichen Welt.

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Für die leicht „verwaschene“ Optik ist wieder das Klima und die dicke Luft verantwortlich. Besonders schön stellt sich im Morgengrauen der Nebel-Bestandteil des Kunstwortes SMOG (SMOKE und FOG) dar. Angesichts der auf den ersten Blick sehr ruhigen Stimmung könnte man auf die Idee kommen, dass auch in Hongkong zu dieser frühen Stunde etwas Tempo aus dem Tagesablauf genommen wird. Dann erkennt man natürlich, dass auch diese Perspektive eine Langzeitbelichtung ist, die ruhige See, die roten und weißen Lichter der Fahrzeuge nicht den Originalzustand an diesem Morgen wiederspiegeln.

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Hat der Tag seine ersten Stunden schon hinter sich, ist die Bevölkerung bereits fast vollständig auf den Beinen. Durch die sehr beengte und unkomfortablen Wohnverhältnisse spielt sich das Leben der einfachen Menschen hauptsächlich auf den Straßen und den engen Gassen statt. Autos gibt es nicht so viele wie vermutet, da der öffentliche Nahverkehr im Gegensatz zu anderen Großstädten in Asien, Europa oder Amerika vorbildlich ausgebaut ist. Es herrscht immer noch Linksverkehr, eine der sehr deutlich wahrnehmbaren Erinnerungen an die britische Kolonialzeit.

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Busse mit grünem Dach stoppen an festen Haltestellen, die Busse mit rotem Oberteil richten ihre Routen und Haltestellen dynamisch nach den Wünschen der Fahrgäste. Eine sehr pragmatische Vorgehensweise, die aber leider oft mit dem Ordnungs-Verständnis von Touristen aus Europa kollidiert.

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Als Fotograf ohne feste Vorstellungen bezüglich der Motive sollte man sich tatsächlich mal auf ein solches Abenteuer einlassen und einfach einen der Busse mit rotem Dach nehmen und gespannt sein, wohin einen die Reise führt. Hat man genug Bilder eingesammelt, sucht man sich einen Gründachler oder ein Taxi und fährt zurück ins Hotel. Hat man sich aber schon im Vorwege ausreichend Gedanken bezüglich der Sehenswürdigkeiten gemacht und anhand der doch sehr unübersichtlichen Linienpläne eine feste Route abgesteckt, nimmt man einen größeren oder kleineren Bus mit grünem Dach oder von Anfang an eines der Sammel-Taxis. Die Aussicht vom Victoria Peak konnten wir ja bereits genießen, auch die Morgenstimmung am Fährhafen.

Wenn es Sie aber ein wenig nach außerhalb zieht, können Sie sich an einem der über 800 000 Meter Küstenlinie gemütlich machen und Ihr Objektiv auf das südchinesische Meer richten. Mit ein wenig Geduld und Glück mit dem subtropischen Wetter gelingen Ihnen dann auch vielleicht solche bezaubernden Bilder eines Sonnenaufgangs.

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Man muss natürlich dazusagen, dass diese fast perfekte Szenerie aus Wolken, Steinen und des Wassers nicht jeden Morgen zu einem Shooting einlädt. Der besondere Charme dieser Aufnahme entsteht aus der sehr genau dosierten Langzeitbelichtung, um der Wasseroberfläche die Härte zu nehmen und in Kontrast zu den zerklüfteten Felsen zu setzen.

Die über 250 Inseln im Ausdehnungsbereich von Hongkong lassen aber noch viel mehr beeindruckende Perspektiven und Panoramen zu. Insgesamt sich die verschiedenen unbebauten Landschaften sehr gut mit Wegen erschlossen. Oft darf man kein Fahrrad oder Skateboard benutzen, das immer sehr viel Menschen gleichzeitig unterwegs sind, aber das sollte nicht das größte Problem darstellen. Aufgrund der Enge in der Innenstadt flüchten sich sehr viele Hongkong-Chinesen nach der Arbeit oder am Wochenende ins Grüne, wandern, vergnügen sich an den zahlreichen Stränden oder grillen auch sehr gerne. Entsprechend entspannt findet man die Bewohner der doch sehr umtriebigen Metropole vor, wenn man sich die Mühe macht, die Häuserschluchten zu verlassen und „hinaus aufs Land“ zu fahren. Probieren Sie es doch einfach mal aus, wenn Sie gerade in der Gegend sind!

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Wir verlassen für den nächsten Beitrag im Rahmen unserer „Serie: Fotografie von Städten und Sehenswürdigkeiten“ die Ufer des südchinesischen Meeres und beschäftigen uns stattdessen mit Eau de Cologne. Genauer gesagt: Mit dem Rhein und der Domstadt Köln. Sind Sie wieder dabei? Wir freuen uns schon auf Ihren Besuch! Hinterlassen Sie aber auch gerne Kommentare, Links zu eigenen Fotoimpressionen oder stellen Sie uns weiterführende Fragen zu Aspekten, die wir um Blogbeitrag nicht angesprochen haben.

22. Juli 2016 | Allgemein |

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