Postkarten aus der Vergangenheit

Die Idee ist nicht neu, doch nach wie vor ungemein spannend. Sowohl in der Umsetzung, wie auch in späteren Resultaten: Die Integration von historischen Postkarten und Fotos in aktuelle Fotografien. Schon seit einigen Jahren betreibt Taylor Jones äußerst erfolgreich seine Dearphotograph-Seite, präsentiert die besten „Foto-im-Foto“-Werke seiner FollowerInnen auf allen wesentlichen Social Media-Kanälen und mittlerweile auch in Buchform. Auffallend bei dearphotograph.com: Das Gros der Uploads ist sehr persönlicher Natur. Die Rückkehr an Urlaubsorte, der Ausflug in die Kindheit, auf Familienfeste oder eben die Neuinszenierungen von allen möglichen Erinnerungen aus alten Fotoalben.

Hier und da finden sich aber auch Bilder, um die es mir in diesem Beitrag geht: Landschaften und Bauwerke im vielzitierten „Wandel der Zeit“.

Eltville

Mit einem einfachen Ins-Bild-Halten einer Postkarte ist es hierbei im Regelfall nicht getan. Zumindest nicht, wenn man Wert auf durchgehende Schärfe und „Passform“ des Resultats legt. Zudem merkte ich recht schnell, welche Art von Motiven sich vergleichsweise gut und vor allem einigermaßen passgenau inszenieren lassen und bei welchen man Zeit und jede Menge Geduld mitbringen sollte. Ohnehin wird man um ein nachträgliches Bearbeiten der Bilder kaum umhinkommen. Auch wenn die Vorstellung eines „One shot“-Fotos romantisch anmutet, ohne nachträgliche Bildbearbeitung geht es wenig bis gar nicht. Ich habe es versucht. Bin der romantischen Vorstellung zunächst erlegen, mit zwei Händen und einer Kamera auf dem Stativ ein ansehnliches Resultat zu erzielen. Try and error! Ihr werdet Euch mit Programmen zur Bildbearbeitung auseinander setzen müssen. Das „Warum“ folgt später.

Legen wir nun aber los und kommen direkt zum ersten wichtigen Grundsatz: Kenne Dein Motiv!

Landschaften verändern sich im Laufe der Zeit. Bauwerke entstehen und verschwinden. Dies hat natürlich auch massiven Einfluss auf die Standorte, von wo aus die damaligen Bilder gemacht wurden. Gibt es den Standort der Kamera von damals überhaupt noch? Ist das Motiv aus der Zeit um 1900 in der heutigen Zeit noch erkennbar, die Landschaft noch in etwa deckungsgleich oder versperren mittlerweile Gebäude und sonstige Bauwerke, Bäume, Straßen den früheren Blickwinkel, das Motiv? Bevor man also willkürlich Postkarten auf einschlägigen Portalen in den Warenkorb legt und bestellt, sollte man wissen, ob sich das Objekt der Begierde überhaupt noch neu fotografieren lässt. Aus annähernd derselben Perspektive, wie auf der gewünschten Karte. Der erste und auch beste Indikator hierfür sind die Landschaft und Umgebung selbst. Gebirgslinien, Straßen- oder Flussverläufe. Eine Hochhaus-Siedlung vor einer imposanten Erhebung erschwert das Einpassen der Postkarte ungemein, wenn sonst kaum Indikatoren mehr erkennbar oder vorhanden sind. Darüber sollte man sich im Klaren sein. Und sich die Frage stellen, wie sinnvoll eine solche Motivgestaltung denn nun eigentlich ist. Ich orientierte mich bisher immer an besagten Erhebungen und deren Verläufe in der Landschaft oder markanten Bauten, die möglichst unverändert ihren Standort innehaben.

Rüdesheim

Ungleich schwieriger, als sich an weiten Landschaften zu versuchen, ist das Fotografieren der Postkarte in „beengten“ Verhältnissen. Gerade dann gilt der nächste Grundsatz umso mehr:

Dein Motiv braucht Platz!

Soll das alte Bild, das Motiv der alten Postkarte zur Geltung kommen, in seiner „neuen“ Umgebung wirken, muss ich eben diese Umgebung auch in angemessener Größe darstellen. Nur dann erzielen solche Kompositionen ihre Wirkung und Faszination. Anhand dreier Bilder einer Basilika (die, wie alle übrigen hier abgebildeten Szenerien, übrigens im Rheingau zwischen Wiesbaden und Rüdesheim zu finden ist) möchte ich verdeutlichen, was ich meine. Die – zugegebenermaßen wenig attraktive – Umgebung der Basilika mit Parkplatz und gesichtsloser Wohnsiedlung lässt aber durchaus erkennen, was es mit dem „Dein Motiv braucht Platz“ auf sich hat und eignet sich daher recht gut als Beispiel.

Blog Bild 03

Bild 1 demonstriert recht deutlich, wie es nicht sein sollte. Die Basilika füllt nahezu das gesamte Foto aus. Einzig die Angrenzung an das Nebengebäude rechts bietet einen interessanten Anblick, ansonsten jedoch erfährt die alte Postkarte keine Aufwertung. Die Umgebung ist zu klein geraten. Es gibt nichts zu entdecken.

Blog Bild 04

Bild 2 entstand von einem weiter entfernten Standpunkt, es schafft mehr Umgebung um das eigentliche Motiv herum, welches nun eigenständiger und deutlicher zur Wirkung kommt. Der veränderte Standpunkt erforderte es im Übrigen, der Postkarte eine andere Perspektive zu geben. Dies geschah in diesem Fall nachträglich per Bildbearbeitung. Auch wenn Parkplatz, Wohnsiedlung und in diesem Fall der eintönige blaue Himmel reichlich unspektakulär ausfallen, lassen sie doch die deutlich größere Aussagekraft gegenüber dem ersten Foto erkennen, in dem der Rahmen um das Hauptmotiv zu eng gewählt wurde.

Die Beispielbilder leiten uns nun direkt zum nächsten wichtigen Aspekt, zum nächsten Grundsatz:

Wichtig ist das Drumherum!

Das Motiv braucht nämlich nicht nur Platz, sondern auch eine interessante Umgebung, einen landschaftlich reizvollen Rahmen. Der Parkplatz oben bietet zwar ausreichend „Rahmen“, dürfte aber in Sachen Langeweile kaum zu überbieten sein. Bei der Frage nach dem Drumherum spielen eigentlich dieselben Faktoren wie in der normalen Landschaftsfotografie die tragende Rolle: Ein interessanter Himmel, schönes Licht und ein reichhaltiges Farbenspektrum, aus dem sich die Karte besonders gut abheben kann. Das eigentliche Hauptmotiv haben wir ja, darüber brauchen wir uns keine Gedanken machen. Das Licht des Sonnenuntergangs auf der Basilika oben nutzt mir nichts. Denn im finalen Foto verschwindet sie ja hinter der Postkarte. Also gilt es darauf zu achten, was sich um das später verdeckte Hauptmotiv herum abspielt. So schön die Basilika mit ihrem Nebengebäude selbst oben auch ist, das Drumherum gibt leider nur wenig Anlass, sie für mehr als zu Test- und Demonstrationszwecken zu verwenden. Dies habe ich allerdings auch erst gemerkt, als ich mit der Kamera davorstand und vergeblich versuchte, der heutigen Umgebung des Gebäudes etwas Reizvolles abzuringen.

Eines meiner ersten Bilder hingegen, der Rhein vor Geisenheim im Rheingau, lebt nicht zuletzt auch von der ansehnlichen Wolkenbildung, die dem eng verlaufenden Horizont und dem standortbedingt sehr panoramalastigen Bild mehr Wirkung verleiht. Rückblickend betrachtet hätte ich links im Bild gerne ein Schiff gehabt, um den leeren Rhein etwas „aufzufüllen“. Aber für den Anfang war und bin ich recht zufrieden mit dem Ergebnis.

Blog Bild 05

Bevor es nun zur eigentlichen Inszenierung und Gestaltung vor Ort oder per Bildbearbeitung geht, ist auch als Einleitung zu diesem Thema ein Grundsatz wichtig, den man nach meinem Empfinden unbedingt beachten sollte:

Das Licht muss passen!

Damit ist keineswegs nur der allgemeingültige Aspekt der Fotografie gemeint, sondern in diesem Fall das Licht, mit dem ich das alte Foto oder die Postkarte im direkten Vergleich zum „Rahmenmotiv“ fotografiere. Es ist daher wichtig, darauf zu achten, dass die Postkarte in denselben Lichtverhältnissen fotografiert wird wie das Umgebungsmotiv. Übertrieben dargestellt sollte man es also vermeiden, das Rahmenmotiv am frühen Morgen mit der rötlichen Sonne im Rücken und die Postkarte bei künstlichem LED-Licht im heimischen Wohnzimmer zu fotografieren. In solchen Fällen nutzt später auch keine auch noch so intensive Bildbearbeitung. Zumindest mir nicht.

In den sehr wenigen Fällen, in denen es gelingt, das Bild direkt in die Szenerie einzubauen, erübrigt sich dieser Grundsatz.

Räumen wir nun also mit der eingangs erwähnten romantischen Vorstellung auf, man nehme seine Postkarte, halte sie in die Landschaft und fertig sei das Premium-Bild. Eine in der Tat schöne Idee, die jedoch an gleich mehreren Komponenten scheitert. Optimistischer dargestellt: Sie lässt sich nur in den seltensten Fällen in die Tat umsetzen.

Unsere Probleme beginnen mit der schlichten Tatsache, dass es zu den Zeiten, in denen die alten Postkarten fotografiert wurden, noch keine Zoom-Objektive gab. Somit auch keine perspektivischen Verzerrungen, keine Stauchung des Horizonts und auch keine Erleichterungen bei der Frage des Standorts. Dies erschwert uns die Anpassung der Karten in unser Hauptmotiv deutlich. Gerade weil wir einen größeren Bildausschnitt um das alte Foto herum benötigen und somit entweder auf Weitwinkel- oder Zoom-Objektive mit Weitwinkel-Brennweiten angewiesen sind. Nur in wirklich rar gesäten Idealfällen können wir den Bildausschnitt zu Fuß und mit einer Brennweite zwischen 50 und 70 mm erreichen. Aber sind wir mal ehrlich, wann trifft man schon mal auf ideale Verhältnisse beim Fotografieren!?

Man kommt also schon aus diesem Grund meist nicht um das nachträgliche Korrigieren herum.

Die nächste Hürde: Wer platziert wie die Karte oder das Foto im Bild? Uns sind nur zwei Hände (und natürlich ein Stativ) gegeben. Entspricht die Armlänge in etwa der Nahauflösung des Objektivs, hat man schon mal gute Karten, mit der freien Hand das Foto im Bildausschnitt und Sucher auszurichten. Man sollte allerdings eine sehr ruhige Hand haben. Doch beim anschließenden Fokussieren (manuell) und der Wahl einer möglichst kleinen Blende für eine einigermaßen passende Schärfentiefe lernt man vor allem zwei wichtige Erkenntnisse: Es klappt nicht mit der ruhigen Hand, wenn die andere zeitgleich mit der Kamera beschäftigt ist und es klappt nicht mit der Schärfentiefe bei einer nah dem Objektiv befindlichen Postkarte und der Landschaft dahinter.

Die Einpassung des Fotos muss nicht perfekt sein. Auch ein solches Foto lebt von der übermittelten Stimmung. Es wirkt natürlich umso schöner, je besser die Konturen der Motive sich ergänzen. Aber meiner Meinung nach verliert ein solches Bild seinen Charme nicht, wenn nicht jede Kante passt.

Sehr wohl aber leiden Charme und Wirkung, wenn ein Ungleichgewicht in der Schärfe besteht, wie ich mit dem natürlich etwas übertrieben dargestellten Verhältnis auf dem Beispielbild zeigen möchte.

Blog Bild 06

Machen wir es mit der vermeintlichen Alternative kurz: Selbst wenn wir uns mit einer dritten Hand behelfen, uns also personelle Unterstützung holen, nähern sich Verzweiflung und Resignation mit großen Schritten. Denn es gelingt der helfenden Hand in den seltensten Fällen, die Anweisungen zur Einpassung des Fotos wirklich passgenau umzusetzen, ohne dabei selbst das Gesamtbild zu sehen.

Riskieren wir also keine gefestigten Freundschaften und Partnerschaften und verlassen uns stattdessen lieber auf die nachträgliche Bildbearbeitung. Dann nämlich können wir die benötigten zwei Fotos auch noch vor Einbruch der Dunkelheit, bei guten Lichtverhältnissen und mit perfekt sitzender Schärfentiefe entspannt bewerkstelligen und den Rest am Computer erledigen.

Mit vor das Objektiv gehaltener Postkarte wähle ich den Bildausschnitt für das Hintergrundmotiv entweder zu Fuß oder per Zoom und widme mich dann der richtigen Belichtung des „Rahmens“. Anschließend gilt der Fokus sprichwörtlich dem alten Foto oder der Postkarte. Ich habe mir angewöhnt, die Karte mit demselben Objektiv und in die gleiche Richtung zu fotografieren wie das Hintergrundmotiv. Somit gewährleiste ich die bereits erwähnten gleichbleibenden Lichtverhältnisse für beide Fotos. Per Makro- oder Porträtfunktion der Kamera oder entsprechend großer Blendenvorwahl klappt es wirklich sehr gut, die Karte im Vordergrund scharf und mit der nun natürlich für die nachträgliche Freistellung und Bearbeitung sehr angenehmen Hintergrund-Unschärfe abzubilden. Zudem erspart man sich so das genauere Einpassen des Bildes in die Landschaft vor Ort. Eine große Erleichterung.

Ich fotografiere grundsätzlich in RAW und entwickele anstelle der beiden Einzelbilder erst das fertig kombinierte Foto mit dem Ziel, einen möglichst harmonischen Look zu erzeugen. Ich möchte keine Empfehlung aussprechen, welcher RAW-Entwickler und welches Bildbearbeitungsprogramm für das Freistellen der Hand mit der Karte genutzt werden sollte. Hier möge Jeder nach seinen persönlichen Vorlieben agieren. Letztlich zählt das Resultat. Die Vorgehensweise ist mit allen Tools gleich: Hand mit Karte/Foto freistellen und in das Hintergrundmotiv, aus dem man natürlich vorher störende Verzerrungen und Verzeichnungen herausarbeiten sollte, einpassen. Mehr ist es eigentlich nicht. Allerdings braucht es Geduld, bis sich die künstliche (und gewollte) Verzerrung oder Neigung des Hauptmotivs zufriedenstellend mit dem Hintergrund ergänzt. Zudem sollte man speziell bei dem Hintergrundmotiv darauf achten, den Bildausschnitt durch die nachträgliche Bearbeitung nicht zu sehr wegzuschneiden. Im Zweifelsfall lieber kleine Objektiv-bedingte Randabschattungen oder Verzerrungen in Kauf nehmen. Ich selbst habe mich auch bei dieser Art Fotografie und deren Nachbearbeitung mit den beiden PS und LR abgekürzten Programmen und deren Werkzeugen angefreundet. Dies sei noch ohne direktes Product Placement angemerkt.

Abschließend ein kleiner Hinweis in Sachen Bildrechte bei alten Postkarten: Natürlich sind auch diese Fotos rechtlich geschützt. Grundsätzlich erlischt das Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers, sofern keine rechtliche Übertragung, zum Beispiel im Rahmen einer Erbschaft, erfolgte. Eine automatische Übertragung der Bildrechte gibt es allerdings nicht. Zudem gibt es bei Lichtbildern eine Rechtsfrist von 50 Jahren nach Erstellung oder erstmaliger Veröffentlichung dieses Werkes. Ein Blick in die einschlägigen Vorschriften lohnt sich ganz sicher. Speziell bei angedachter kommerzieller Nutzung.

Ansonsten wünsche ich nun viel Spaß mit den historischen Postkarten oder Fotos und den besonderen Möglichkeiten in der Landschafts- und Städtefotografie, die man durch diese kleinen „Helfer“ hat.

Ich würde mich über Feedback zu diesem Artikel natürlich freuen und zeige zum Schluss mein neuestes Foto dieser Art, bei dem ich die alte Postkarte auf einen kleinen, aber wesentlichen Bildausschnitt reduziert habe.

Blog Bild 07

© Text & Fotos: Thomas Weinsheimer, Facebook: https://www.facebook.com/thomas.weinsheimer.5

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