Langzeitbelichtungen – eine kleine Einführung

Die Fotografie erlaubt es uns, die Dauer eines Moments exakt zu definieren. Vom eingefrorenen Bruchteil einer Sekunde bis zum Festhalten einer Periode von (theoretisch) mehreren Stunden können wir fast stufenlos agieren und die beabsichtigte Wirkung und Botschaft wie gewünscht umsetzen. Diese Informationen, gesammelt entlang des genau vorgegebenen Zeitstrahls, bannen wir in ein einziges Bild. Die Betrachter hingegen können sich dann aussuchen, ob sie alle Details genau inspizieren wollen oder einfach den Gesamteindruck für ein paar Sekunden auf sich wirken lassen wollen. Mit Langzeitbelichtungen kann man tolle fotografische Effekte erzielen. Bei Tag sind Foto-Filter enorm hilfreich, aber mehr dazu später. Eine Voraussetzung ist zuerst die richtige Ausrüstung, damit keine Unschärfen durch Verwacklung auftreten.

Wofür setzt man Langzeitbelichtungen ein?

Bei Langzeitaufnahmen stehen die Möglichkeiten der Langzeitbelichtung für komplett eigene Effekte oder Botschaften zur Verfügung. Denn das spiegelglatte Meer, die Bewegungsschlieren der Wolken, die Kontraste der unbeweglichen Objekte im Bild sowie die komplett Menschen- und Tier-lose Szenerie sind keine Motive, die man mal eben als zufälliger Beobachter sehen kann. Sie bewegen sich sehr stark im Bereich des Surrealismus oder Expressionismus.

 

Tatsächlich zeigt sich dem menschlichen Auge selten eine solche Dramatik, wie sie mit einem langzeitbelichteten Bild möglich wird. Langzeitaufnahmen dienen auch öfter als Lackmus-Test für Einsteiger, die sich über diese Technik mit der Tatsache vertraut machen müssen, dass auch die nüchternste Fotografie immer nur eine Interpretation, aber niemals ein echtes Abbild der Realität sein kann.

Verlassen wir aber nun die eher philosophische Ecke und wenden wir uns den konkreten Anforderungen für erfolgreiche Langzeitfotografie zu:

Faustregel für Belichtungszeiten

Die meisten Fotografen verstehen unter Langzeitbelichtungen Aufnahmen mit Belichtungszeiten von mehreren Sekunden. Die Zeit, ab der man ein Foto nicht mehr aus der Hand schießen kann, ist aber deutlich kürzer.

Für die Action- und Sportfotografie benötigen wir sehr lichtstarke Objektive, um die Verschlusszeit soweit reduzieren zu können, dass der Augenblick auch wirklich einfriert. Für Langzeitbelichtungen hingegen sind Stative zwingend notwendig.

Ohne Bildstabilisator kann man seine Kamera für eine Belichtungszeit ruhighalten, die dem Kehrwert der Brennweite im Kleinbild-Format entspricht. Fotografieren Sie mit einem Normalobjektiv, das 50 mm Brennweite hat, können Sie 1/50 Sekunde aus der Hand halten. Nutzen Sie ein Tele-Objektiv mit 200 mm Brennweite, geht nur noch 1/200 Sekunde aus freier Hand. Längere Zeiten erfordern ein Stativ. Ein elektronischer Bildstabilisator gibt Ihnen etwas Spielraum, meist zwei oder drei Lichtwerte. Jeder Lichtwert verdoppelt die mögliche Belichtungszeit. Aus 1/60 Sekunde wird damit zum Beispiel 1/15 Sekunde.

Welche Ausrüstung benötigt man für Langzeitfotografie?

Zuerst einmal natürlich eine Kamera, die auch tatsächlich Belichtungszeiten jenseits des Sekunden-Zeitraums ermöglicht. Als Profi sehen Sie dies wahrscheinlich als Selbstverständlichkeit an, Einsteiger sollten aber schon darauf achten, dass auch diese Möglichkeit besteht, wenn sie ihre erste Kamera erwerben wollen. Weiterhin sollte die Auslösung auch über eine Fernbedienung möglich sein und stufenlose Einstellung der Belichtungszeit anbieten. Eine Spiegel-Vorauslösung stellt sicher, dass sich möglichst keine mechanischen, kamerainternen Einflussfaktoren negativ auf die Bildschärfe auswirken. Achten Sie auch bitte darauf, dass der Sucher mit einer Abdeckung versehen werden kann. Natürlich können Sie auch mit schwarzem Isolierband arbeiten. Das wird auf die Dauer aber schnell nervig.

Echte Langzeitbelichtungen von mehreren Sekunden oder sogar Minuten Dauer sind auch mit einem Stabilisator keinesfalls aus der Hand zu realisieren. Neben der Kamera ist ein wirklich standfestes Stativ obligatorisch. 

Ein solides Dreibein-Stativ (Tripod) ist also Grundvoraussetzung.  Hier sollten Sie auf keinen Fall sparen, da ohne sicheren und stabilen Stand weder eine High-End-Kamera noch die teuersten Filter Sinn ergeben. Idealerweise sollte es über eine entsprechende Stativschulterhöhe und -breite verfügen. Diese garantiert nicht nur einen möglichst breiten Radius der ausgeklappten Stativbeine, sondern sorgt auch dafür, dass Ihr Rücken nicht unter dem ständigen Bücken leidet. Achten Sie darauf, dass Stativ und Stativkopf für das Gewicht Ihrer Kamera ausreichend dimensioniert sind. Die Beine des Stativs sollten sich so weit ausfahren lassen, dass Sie die Mittelsäule nur in Ausnahmefällen benötigen, denn sie ist viel empfindlicher gegen Erschütterungen. Verzichten Sie von vornherein auf die Option, die Mittelsäule in die Gesamthöhe einzuberechnen. Diese dient immer nur als Notlösung und sollte nicht mehr als eine Handbreit ausgezogen werden. Sind Sie viel zu Fuß unterwegs, sollten Sie sich für ein Stativmodell aus Carbon entscheiden, dieser Werkstoff reduziert das Gesamtgewicht und Schwingungen erheblich und glänzt trotzdem durch hohe Stabilität und Tragfähigkeit. Ein Haken am unteren Ende der Mittelsäule stellt sicher, dass Sie ein zusätzliches Gewicht (Foto-Tasche oder -Rucksack) einhängen können, um die Standfestigkeit zu erhöhen und den Schwerpunkt nach unten zu verlagern. Der Stativkopf sollte um 360° schwenkbar sein und ebenfalls leicht und tragfähig sein, um die Kamera auch über längere Zeit auf exakt gleicher Höhe und erschütterungsfrei halten können. Damit sind wir auch bei dem dritten, großen Ausrüstungs-Bereich, der z.B. für  Landschaftsfotografen wichtig ist:

Hier kommen häufig Filter zum Einsatz, die ebenfalls eine Langzeitbelichtung erforderlich machen. GND-Filter erlauben Ihnen erst, den Lichteinfall durch das Objektiv so zu reduzieren, dass Sie auch in den Bereich der Langzeit-Belichtung kommen, um stimmungsvollere Bilder aufnehmen zu können. Sie können die Blende nicht mehr als vollständig öffnen, einer Überbelichtung können Sie durch den Einsatz von Neutraldichte-Filter (ND-Filter) begegnen. Je nach Anspruch und Geldbeutel gibt es zwei Systeme, Rundfilter eigen sich für den Einstieg und benötigen auch keine separaten Filterhalter, Rechteckfilter lassen sich einfacher kombinieren und montieren und stellen die High-Quality-Lösung in dieser Disziplin dar. Beginnen Sie vielleicht mit einem Rundfilter mit mittlerer Intensität, eventuell auch mit einem variablen ND-Rundfilter. Haben Sie dann Gefallen an der Filter-Fotografie im Allgemeinen und der Langzeitbelichtung im Speziellen gefunden, steht Ihnen das Potential hochwertiger Rechteck-Filter zur Verfügung. Diese lassen sich an die verschiedenen Objektiv-Durchmesser mit Adaptern montieren.

Rechteckfilter können Sie problemlos miteinander kombinieren, die Rollei-Filterhalter nehmen bis zu drei Filter auf. Die Filter lassen sich vertikal stufenlos gegeneinander verschieben, die drehbar gelagerten Filterhalter erlauben jeden gewünschten Winkel.

 

Unterschätzen Sie nicht die Vibrationen, die Sie auf die Kamera allein durch den Auslöser übertragen. Es dauert in der Regel einige Sekunden, bis sich das System wieder beruhigt hat. Daher sollten Sie auf jeden Fall einen Fernauslöser anschaffen, hier ist es egal, ob Sie sich für ein kabelloses oder kabelbasiertes Modell entscheiden.

 

Wenn Ihrer Kamera noch keine Sucherabdeckung beiliegt, wäre es jetzt Zeit, vor der ersten Langzeitbelichtung noch eine zu erwerben. Decken Sie den Sucher nicht ab, können störende Lichtstrahlen die Belichtungsmessung fehlerhaft beeinflussen (s. rechte Seite des unten dargestellten Bildes). Gerade als Einsteiger können Sie durch dieses eigentlich winzige Detail sehr schnell frustriert werden.

Trotzdem unscharfe Bilder – vielleicht durch Spiegelschlag

Mächtiges Stativ, Fernauslöser, und trotzdem unscharfe Bilder? Keine Sorge, das liegt nicht an Ihren Fähigkeiten als Fotograf. Machen Sie Ihre Fotos mit einer Spiegelreflex-Kamera, verursacht die Bewegung des Schwingspiegels unmittelbar vor der Aufnahme starke Erschütterungen in der Kamera. Unser Tipp: Suchen Sie im Kamera-Menü nach der Spiegelvorauslösung. Ähnlich wie beim Selbstauslöser vergeht dann zwischen dem Hochklappen des Spiegels und der eigentlichen Aufnahme etwas Zeit, in der die Kamera zur Ruhe kommen kann. Auch das Umschalten auf das Livebild verhindert den Spiegelschlag.

Bildrauschen reduzieren

Mit zunehmender Belichtungsdauer erwärmt sich der Sensor einer Digitalkamera. Die Kameras haben deshalb in der Regel eine Begrenzung für die längste mögliche Belichtungszeit. Trotzdem kommt es zu vermehrtem Bildrauschen und sogenannten Hotpixeln. Aktivieren Sie in Ihrer Kamera die Rauschminderung für Langzeitbelichtungen. Die Kamera nimmt dann ein zusätzliches Bild bei geschlossenem Verschluss auf und rechnet anhand dieser Vergleichsaufnahme störende Pixel heraus. Beachten Sie aber, dass Ihre Kamera für die Zeit der zweiten Aufnahme blockiert ist. Sie können also keine Bilder in schneller Folge aufnehmen.

Jetzt wird’s ernst – Motivauswahl für Langzeitbelichtungen

Nun haben Sie die notwendige Ausrüstung zusammengestellt, wissen bereits über einige beachtenswerte Punkte Bescheid und suchen Ihr erstes Motiv zur Langzeitbelichtung. Vielleicht lassen Sie sich ja von einem Artikel aus unserer Blogserie “ Fotografie von Städten & Sehenswürdigkeiten“ inspirieren, wenn Sie zufällig in nächster Zeit gerade eine der Städte besuchen wollen, die wir Ihnen dort vorstellen. Denn in jedem Artikel finden Sie auch schöne Beispiele für Langzeitaufnahmen.

Andernfalls haben wir folgende Ideen für Sie:

Fließendes Wasser oder eine Menschenmenge, die um einen ruhenden Pol hastet – Hier müssen Sie dafür sorgen, dass Sie eine lange Belichtungszeit erreichen. Schließen Sie die Blende so weit wie möglich (große Blendenzahl) und senken Sie die ISO-Empfindlichkeit auf den kleinsten Wert. Reicht das alles nicht, um die Belichtungszeit auf eine Sekunde oder mehr zu steigern, hilft ein ND-Filter, der Licht schluckt, ohne Farben zu verändern.

Mindestens ein unbewegliches Motivbestandteil sollte vorhanden sein. Sonst befindet sich einfach alles „im Fluss“ und der interessante Kontrast zwischen Konstanten und Variablen kommt nicht zustande. Natürlich kann auch dies Ihre Foto-Idee sein, zum Üben bieten sich aber diese Szenarien besonders gut an.

Dann kommt immer auch gerne ein Motivbestandteil hinzu, das durch die Langzeitbelichtung sein optisches Erscheinungsbild vollständig ändert. Aus einer rauen Wasseroberfläche wird eine spiegelglatte oder ein Schlierenmuster, (mit einem Polfilter auch transparente) Glasfläche, Wolken verlieren ihren Kontrast und Zerklüftungen, werden zu samtweichen Wattebäuschchen.

Wollen Sie noch zusätzliche Mystik ins Bild bringen, können Sie den Ort des Geschehens auch an einen stark bevölkerten Platz verlegen, der bei ausreichend langer Belichtung völlig menschenleer wird oder auf dem die Menschen nur noch schemenhaft zu erkennen sind. Im unteren Bild kann man die Bewegungsmuster erkennen: Im hinteren Bereich sieht man, dass Menschen während der Belichtung stehen geblieben sind, links vorne haben sich Menschen viel bewegt und rechts am Schilf standen Personen, die sich rundum das Stativ bewegt haben.

Eine Möglichkeit ist es, die Langzeitbelichtung bei Nacht zu realisieren, denn hier brauchen Sie wegen des geringen Umgebungslichtes ohnehin lange Belichtungszeiten. Besonders eindrucksvoll sind Nachtaufnahmen, die mit Lichtern Bewegungsabläufe nachzeichnen, die man mit dem bloßen Auge gar nicht erkennt. Scheinwerfer und Rücklichter auf einer viel befahrenen Straße, drehende Karussells auf der Kirmes und ein Feuerwerk sind typische Motive.

Mit etwas Geschick schaffen Sie es, mit einer LED-Lampe, einem „Laserschwert“ oder einer Wunderkerze Ihre eigene Lichtkunst zu zaubern. Bei Aufnahmen des Sternenhimmels warten Sie auf eine mondlose Nacht. Wenn Sie sich bei Gewitter an Fotos von Blitzen versuchen möchten, bleiben Sie in einem Gebäude oder im Auto. Dort sind Sie vor Blitzschlag besser geschützt als auf freiem Feld oder unter Bäumen.



Bildnachweise
Fotografen: Thomas Güttler, Harald Kröher, Alexander Ahrenhold

23. Dezember 2016 | Allgemein | , ,

Eine Antwort auf „Langzeitbelichtungen – eine kleine Einführung“

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