Fotografie von Städten & Sehenswürdigkeiten Teil 9: Essen: Glückauf, Zeche Zollverein!

Die nächste Station unserer Blogartikelreihe „Serie: Fotografie von Städten und Sehenswürdigkeiten“ liegt mitten in Deutschland, genauer gesagt im Ruhrgebiet, noch genauer gesagt in Essen. Die Essener mögen es uns verzeihen, wenn wir uns nicht eingehender mit ihrer Heimatstadt auseinandersetzen und unseren Blick ausschließlich auf das UNESCO Welterbe Zeche Zollverein richten. Doch wer eine schier unerschöpfliche Zahl an einzigartigen Motiven und ein Experimentierfeld für unterschiedlichste Fototechniken sucht, kommt an diesem Stück Industrie- und Ruhrgebietsgeschichte einfach nicht vorbei.

Vor fast 30 Jahren wurde die letzte Förderanlage des einstmals ertragreichsten Steinkohlebergwerks Deutschlands stillgelegt. Seitdem nimmt dieses in Essen gelegene UNESCO Weltkulturerbe maßgeblich am Wandel des Ruhrgebiets von Industriestruktur zu Industriekultur teil. Die Zeche Zollverein wurde als bergrechtliche Gewerkschaft im Jahre 1847 gegründet und nach dem Deutschen Zollverein benannt, der seit 1833 den Binnenmarkt in der Mitte Europas fördern sollte. Ungefähr auf 100 Hektar erstrecken sich die Anlagen der Zeche, die sich grob in die Kokerei, die Halde, Schacht XII und Schacht 1/2/8 unterteilen lassen.

Nach der Stilllegung entwickelte sich die Zeche nicht nur zu einem beliebten Standort von unterschiedlichen Kultur-, Kreativ- und Innovationsunternehmen, die immer noch sehr beeindruckenden Industriebauten locken Jahr für Jahr viele Tausend Interessierte auf das Gelände. Verständlich, dass nicht wenige der Besucher sich mit einer Kamera ausrüsten, um dieses Gesamtdenkmal und Welterbe aus unterschiedlichsten Perspektiven abzulichten. Dabei ergeben sich nach einhelliger Meinung gerade in der Dämmerung oder bei Dunkelheit die spektakulärsten Ansichten. Diese fängt man dann natürlich mit einem Stativ und verschiedenen Filtern ein.

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Gerade in der Zeche Zollverein hat sich über die letzten Jahre eine durchaus abwechslungsreiche nächtliche Lichtkulisse entwickelt, die die unterschiedlichen Monumente, Industrieanlagen und -gebäude in interessante, manchmal auch etwas gruselige Beleuchtungen taucht. Auf jeden Fall stellen die zahllosen Kontraste aus der zeitgenössischen, sehr funktionalen und sachlichen Architektur, den stillgelegten technischen Anlagen und der Natur, die sich ihren Anteil kontinuierlich wieder zurückholt, eine sehr vielfältige und dankbare Motiv-Landschaft dar. Selten zeigt sich so deutlich die Wachablösung zwischen ressourcen- und menschenverschlingender Großindustrie und der individualisierten, nachhaltigen Kultur- und Kreativwirtschaft wie in diesem riesigen Mikrokosmos.

Beginnen wir den virtuellen Rundgang über das Zechengelände mit einer Tagesansicht der weithin sichtbaren Landmarke des Bergwerks, dem Doppelbock über dem Schacht XII.

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Für diese Perspektive bietet sich ein Weitwinkelobjektiv und eine etwas längere Belichtung förmlich an, um einerseits die markanten Fluchtlinien noch zu verstärken und andererseits störende Personen aus dem Bild zu eliminieren. Das Doppelbockfördergerüst sowie die dazugehörigen Gebäude wurden im Jahre 1930 errichtet und galten zu ihrer Zeit als technische und architektonische Meisterleistungen. Die Architekten Schupp und Kremmer schufen mit dieser Anlage ein richtungsweisendes Beispiel der neuen Sachlichkeit. Durch die perfekte Symbiose zwischen technischer Funktionalität und zeitloser Formensprache wird diese Schachtanlage durchweg als „schönste Zeche der Welt“ bezeichnet.

Entsprechend populär ist der Doppelbock als Fotomotiv. Trotzdem erlaubt die Größe der Anlage und die sehr gute Erreichbarkeit aller Elemente immer noch Blickwinkel oder Anregungen für Bildideen, die auch nach Jahrzehnten noch nicht umgesetzt wurden. Warten wir also die Dämmerung ab, bringen unser Stativ in eine standfeste und sichere Position, setzen den Filter unserer Wahl vor das Objektiv und halten eine viel majestätischere und dramatischere Sicht auf den Schacht XII fest.

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Das Schachtgerüst selbst ist Objekt einer eigenen Beleuchtungsinstallation. Die zuspitzenden Linien erzeugen eine besondere Dynamik, intensiviert durch die beiden Speichenräder an der Spitze. Die erdbraune Farbgebung mit roten Akzenten der Anlage sorgt dafür, dass der unvermeidliche Rost den Gesamteindruck nicht beeinträchtigt und wurde in der Lichtgestaltung entsprechend berücksichtigt. Aufgrund der überwältigenden Größe des Hauptschachts XII stellt diese Gebäudegruppe das optische Zentrum der gesamten Anlage dar. Um die Förderwagen ab und weiter zu transportieren, verfügt das gesamte Gelände über eine Schienenanlage. Im Bereich des Hauptschachts liefert die dafür vorgesehene Infrastruktur auch eine interessante Kulisse für Foto-Aufnahmen.

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Auch hier zeigt sich wieder der sachliche, schnörkellose und an Funktionalitätsgesichtspunkten ausgerichtete Architekturstil. Trotzdem wird man nicht von massigen Flächen „erschlagen“, die Deckengestaltung orientiert sich ein wenig an der Struktur alter Fachwerke. Für die Fotografie von Zentralperspektiven natürlich ein extrem dankbares Motiv. Je nach Bedarf kann mit einem Weitwinkel gearbeitet werden, durch die Länge der Flucht ergeben sich aber auch mit moderaten Brennweiten interessante Bildkompositionen. Je nach Position natürlich auch in beide Richtungen.

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Gerade bei Dunkelheit ein vielversprechender Standort, um im Rahmen einer Langzeitbelichtung mit statischer Beleuchtung und inmitten von jahrzehntealtem Beton die Bewegungen von Personen einzufangen.

Die nächste Station ist die Kokerei, wie alle besonders interessanten Punkte der Zeche Zollverein natürlich auch hervorragend ausgeschildert.

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Sehr typisch für die zeitgenössischen Industriebauten sind die zahllosen Leitungen, Rohre und Verstrebungen der komplexen Bergwerks- und Fördertechnik in diesem stimmungsvollen Bild. Vor vielen Jahrzehnten akribisch geplant und gebaut, zigmal erweitert, modernisiert und umgestaltet, wissen heutzutage nur noch wenige Menschen, für was die einzelnen Leitungen und Anlagen überhaupt gedacht waren. Verbraucht, verschlissen oder verrostet stehen diese Technik-Denkmäler für ein sehr kompromissloses und wenig nachhaltiges Wirtschaftsverständnis. Verlassen wir aber nun diesen Bereich und erkunden weiter das Gelände.

Auf dem Weg zwischen Schacht XII und der Kokerei stößt man auf eine bizarr anmutende technische Apparatur.

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Hier hat ein Kettenförderer der Maschinenfabrik Gustav Schade seine letzte Ruhestätte gefunden. Diese Konstruktionen dienten zum Transport von Schüttgut wie Sand, Gestein und eben auch Kohle. Die beiden Ketten ragen mit ihren groben Zinken angriffslustig in die Höhe und verleihen diesem Spezialgerät eine ziemlich martialische Ausstrahlung. Wie fast alle Anlagen in dieser Größe sind auch diese Fördermaschinen Maßanfertigungen, die erst vor Ort komplett zusammengesetzt wurden. Nach der Stilllegung der Zeche war der Kettenförderer zu groß, um am Stück abtransportiert werden zu können und zu alt, um aufwendig auseinandermontiert zu werden. Und dann störte er schließlich nicht genug, um ihn auseinander zu schweißen. Jetzt dient er interessierten Fotografen und natürlich auch allen anderen Besuchern als ein beeindruckendes Zeugnis der damals notwendigen Technik. Auch diese Aufnahme profitierte von der wirklich sternenklaren Nacht. Die rötlich-gelbe Grundstimmung der Beleuchtung passt perfekt zur ursprünglichen Lackierung des Kettenförderers.

Bei der Kokerei angekommen, bietet sich uns ein äußerst markantes Industriepanorama. Der ziemlich spitz zulaufende Schornstein und die dahinterstehenden drei Kühltürme (zwei davon bereits „entblättert“). Die Gitterstruktur der zwei größeren Türme verleiht dieser Perspektive etwas Unwirkliches, es scheint fast so, als ob sich in einem virtuellen Game-Szenario der Bildaufbau zweier Elemente verzögert. Die leicht verlängerte Belichtungszeit ist für die Wolken-Schlieren im Himmel verantwortlich, auch die Sterne wirken beschleunigt. Hätte man eine erhöhte Perspektive, könnte man von etwas weiter rechts über die Türme direkt ins Stadtzentrum von Essen gucken. Die Lichter der Stadt sorgen bereits in der Dämmerung für eine helle Aura über dem Horizont.

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Etwas später haben sich ein paar weitere Fotografen hinzugesellt, um die verfügbaren Motive abzulichten und mit Stativ, Kamera und verschiedenen Filtern zu experimentieren.

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Eine gute Gelegenheit, um die ursprünglich etwas spärliche Beleuchtung der Szenerie durch entsprechend lange Belichtungszeiten auszugleichen, die Kontraste anzuheben und die um ihre Stative „tanzenden“ Kollegen festzuhalten. Sehr schön sind durch die lange Belichtung auch die Displays erkennbar. Speziell dieses Foto hat durch die Langzeitaufnahme eine Aussage erhalten, die mit einem geblitzten „Schnappschuss“ nicht möglich gewesen wäre. Setzt man diese Fototechnik also nicht nur dogmatisch für Architektur-, natur- und Landschaftsfotografie ein, sondern spielt mit dem kreativen Potential der verschiedenen Filter, können nicht nur beeindruckende Panoramen, sondern auch augenzwinkernde „Actionshots“ gelingen.

Eine etwas mehr abseits gelegene Aufnahmeperspektive zeigt noch einmal die Dimensionen dieser Steinkohleförderungs-Anlage. Komplett aus dem Dunkeln heraus fotografiert, stechen der Doppelbock und die stählerne Treppe deutlich hervor. Solche Shots erfordern schon ein wenig Erfahrung, gute Vorbereitung und einen sorgfältig gepackten Fotorucksack. Wer in völliger Dunkelheit operieren will oder muss, sollte mit den Funktionen seiner Ausrüstung bestens vertraut sein. Natürlich ist auch die Verwendung einer Taschenlampe erlaubt, Sie sollten aber beachten, dass bei weißem Licht die Augen ein paar Sekunden brauchen, um sich wieder an die Dunkelheit zu gewöhnen. Arbeiten Sie also lieber mit rotem Licht, um auch die Motivebenen richtig beurteilen zu können. Denn wenn Ihre Augen immer wieder „geblendet“ werden, erkennen Sie wichtige Details nicht, die für ein perfektes Foto entscheidend sein können.

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Die Zeche ist also nicht nur für besonders geschichtsbewusste Einwohner des bevölkerungsreichsten Bundeslandes interessant, die „Ikone“ der deutschen Montanindustrie trägt wichtige Einblicke und Eindrücke zum Verständnis dieses Menschen- und Landschaftsprägenden Wirtschaftszweigs bei. Neben der Vergangenheit ist aber auch und gerade die Zukunft ein Thema in der Zeche Zollverein. Aus den stählernen und steinernen Denkmalen der einstmals so bedeutsamen Ruhrkohleförderung erwächst ein lebendiges und inspirierendes Neben- und Miteinander von Kultur-, Kreativ-, Forschungs- und IT-Unternehmen.

Mit den entsprechenden Hintergrund-Informationen im Gepäck lässt man sich viel schneller und bereitwilliger auf die enorme Motivauswahl der Zeche ein. Wer alle Winkel und Blickrichtungen des Welterbes Zollverein erkunden will, benötigt wohl Wochen und Monate, aber auch in ein paar Stunden zaubern schon Einsteiger stimmungsvolle und beeindruckende Bilder auf die Speicherkarte. Um die Beleuchtungsinstallationen angemessen ablichten zu können, sollte man aber auf jeden Fall ein standfestes Stativ und ein paar hochwertige Neutraldichte-Filter dabei haben.

Wann besuchen Sie dieses quicklebendige Industriemuseum und lassen uns anschließend an Ihren Bildern teilhaben? Wir freuen uns schon sehr auf Kommentare, Anregungen und natürlich auch Fotos, Fotos, Fotos …

Fotograf: Olav Brehmer

30. September 2016 | Allgemein |

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