Das Portrait – eine fotografische Königsdisziplin

Die Portraitfotografie gehört nicht ohne Grund zu den anspruchsvollsten Techniken im Spiel mit dem Licht. Zahlreiche Aspekte und Faktoren entscheiden über Erfolg oder Nichterfolg der fotografischen Annäherung an das extrem facettenreiche Gesicht eines Menschen. Diese Blogartikelreihe beschäftigt sich mit verschiedenen Methoden und Herangehensweisen, gibt praktische Tipps und konkrete Beispiele – beginnen wir aber mit den Grundlagen …


Die Portraitfotografie eröffnet uns schier unbegrenzte Möglichkeiten, menschliche Emotionen wiederzugeben oder zu wecken, unterschiedlichste Charaktere und Personen mit ihrer „Schokoladenseite“ für die Ewigkeit festzuhalten oder auch echte Abgründe aufzuzeigen. Die verschiedenen Herangehensweisen und Motivationen bedienen sich aber nichtsdestotrotz bewährter Methoden, Techniken und Hilfsmittel, die wir im weiteren Verlauf detailliert und mit praktischen Bespielen vorstellen werden. Vor der Vertiefung stehen aber bekanntermaßen immer erst die „Basics“. Zu diesen Grundlagen zählen ohne Frage auch die psychologischen Fähigkeiten des Fotografen, der vor dem Öffnen des Verschlusses erst einmal das Vertrauen des Models bzw. des Kunden gewinnen muss. Ohne diese Ebene erhalten wir am Ende nur vergleichsweise gut ausgeleuchtete Passbilder ohne Tiefe oder Feuer.

Um diese besondere Vertrauensbasis zu schaffen, sollte der Fotograf die zu portraitierende Person von Anfang an in die Planung und Abstimmung miteinbeziehen, die eigenen Vorstellungen bezüglich Bildausschnitt, Perspektive oder Beleuchtung offen besprechen und auf gute Vorschläge unvoreingenommen eingehen. Nicht selten ringen die „Models“ mit ihrem externen Blick frische Ideen mit ins Setting, die auch Vollprofis mit jahrzehntelanger Erfahrung noch umsetzen können, ohne dass ihnen ein Zacken aus der Krone bricht. Stimmen Kommunikation und Chemie, beginnt die Magie der Fotografie zu wirken, die resultierenden Bilder werden zu zeitlosen und überwältigenden Momentaufnahmen echter Menschen und überwältigender Emotionen. Der Fotograf sollte sich auch immer als Regisseur und nicht nur als Dienstleister sehen, der nur im richtigen Moment aufs „Knöpfchen drückt“.

Neben der sehr durchgeplanten Mimik und Gestik des Models entstehen aber auch nicht selten die besten Portraits durch das spontane Auslösen – vielleicht auch sogar abseits der „offiziellen“ Session. Unabhängig davon führt eine gute Vorbereitung erfahrungsgemäß zu einer wesentlich höheren Erfolgswahrscheinlichkeit.

Von den alten Meistern lernen

Etliche Jahrhunderte vor Erfindung der Fotografie stießen bereits die Maler auf einige ewig gültige Regeln und Gesetzmäßigkeiten der künstlerischen Wiedergabe menschlicher Portraits. Jeder angehende Portraitfotograf tut daher gut daran, sich mit diesen Erkenntnissen zu beschäftigen, um dann nach eigenem Gutdünken – aber mit vollem Bewusstsein – davon abweichen zu können. Um das unvergleichliche Wesen eines Menschen oder eines Tieres fotografisch festhalten zu können, haben sich Kombinationen verschiedener Ausschnitte und Perspektiven bewährt, die wir nachfolgend kurz anreißen und später vertiefen werden:

Frontales Portrait
angeschrägtes Portrait

Ausschnitte:

Ganzfigur

Darstellung stehend oder sitzend – als Skulptur auch als Statue (Standbild) oder Statuette bekannt.

Kniestück

Nur bis unterhalb des Knies, sitzend oder stehend

Halbfigur

Gesamter Oberkörper bis zur Taille mit angewinkelten Armen und Händen

Bruststück

Vom Kopf bis unterhalb der Brust inklusive Schultern und Armabschnitten

Schulterstück oder Büste

Auch als Büstenporträt bekannt, Schulteransätze noch mit einbezogen, die Abbildung endet ungefähr auf Achselhöhe

Kopfbild

Nur Kopf und Hals, ohne irgendeinen Teil des Rumpfes


Blickrichtungen/Kopfhaltungen.

Frontalansicht (en face)

Das Gesicht ist gerade, der Blick direkt und frontal auf den Betrachter gerichtet – sehr suggestiv und intim, bei unspannender Beleuchtung eventuell etwas steif.

Viertelprofil oder Dreiviertelprofil

(je nach Benennung der zugewandten oder abgewandten Seite) Das Gesicht ist leicht aus der Frontalansicht gedreht – angesichts der Rundungen des menschlichen Kopfes wird die dem Betrachter zugewandte Seite komplett, die abgewandte Seite verkürzt und mehr oder weniger schattiert dargestellt. Der Blick kann den Betrachter fokussieren oder leicht an ihm vorbeigehen, diese Perspektive wirkt entsprechend lebendiger und wird vergleichsweise häufig eingesetzt.

Halbprofil

Das Gesicht wird hauptsächlich seitlich abgelichtet, das zweite Auge ist aber auch noch zu sehen – der Blick ruht üblicherweise auf dem Betrachter.

Profilansicht (en profil)

„Echtes“ Profil, bekannt von den Abbildungen römischer Kaiser auf Münzen. Diese Ansicht gilt als würdevollste Darstellung des menschlichen Gesichts. Profilbilder als Schattenriss waren in der Zeit zwischen 15. und 19. Jahrhundert sehr beliebt.

Dreiviertelprofil oder Viertelprofil

(Benennung siehe oben) Das „echte“ Profil überwiegt bei dieser Perspektive, die Nase ragt über die Kontur hinaus, das zweite Auge ist halb verdeckt oder tatsächlich nur angedeutet – entsprechend anmutiger und tiefgründiger schaut die Person in die Kamera. Diese Wirkung wird noch verstärkt, wenn das Model seinen Blick eher seitwärts richtet.

Verlorenes Profil (profil perdu)

Dreiviertelansicht von hinten – nur die Konturen des Wangenknochens sind noch erkennbar, sozusagen die Negativform der Dreiviertel- oder Viertelansicht von vorn.

Im nächsten Beitrag gehen wir dann auf die verschiedenen Lichtsettings genauer ein, eigens aufgenommene Bespiele und grafische Positionierungsvorschläge dienen zur weiteren Veranschaulichung.

PASSENDE ROLLEI PRODUKTE

Fotograf: Harald Kröher