Capture the Wildlife, Folge 28: In der Kinderstube der Natur

Sobald die allerletzten Schneehaufen dahingeschmolzen sind, die ersten Frühblüher den Weg aus Dunkelheit und Kälte des Bodens Richtung Sonnenschein und Wärme hinter sich gebracht haben, die Bäume ausschlagen und auch die Temperaturen zögerlich zweistellig werden, wird es auch in der Kinderstube der Natur wieder langsam voll …

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Jedes Jahr wieder bringt der lang ersehnte Frühjahrsbeginn nicht nur Wärme, längere Tage und menschliche Frühlingsgefühle mit sich, auch die wilden Vögel und Tiere bekommen zahlreichen und extrem niedlichen Nachwuchs.

Diese Saison gehört auf jeden Fall zu den fotografisch ergiebigsten und interessantesten Phasen im ewigen Wechsel der Jahreszeiten. Entdecken die Jungtiere und -vögel zum ersten Mal mit weit aufgerissenen Augen und tapsigen Bewegungen die Wunder ihrer neuen Umwelt, erwischt man als Wildlife-Fotograf immer wieder unglaublich schöne und beeindruckende Momente. Angesichts der fehlenden Erfahrung und der verständlichen Unaufmerksamkeit der neuen Tierkinder sollte man als verantwortungsvoller Naturfreund aber unbedingt besondere Rücksicht an den Tag legen:

Ohne besondere Rücksichtnahme keine besonderen Bilder!

Die wilden Neugeborenen sind trotz der unterstützenden Instinkte gerade zu Beginn ihres Aufenthalts in unserer gemeinsamen Welt sehr auf die Hilfe und Sicherung ihrer Eltern angewiesen. Diese agieren angesichts der immensen Verantwortung vergleichsweise unentspannt auf menschliche Störungen – je nach Größe und Wehrhaftigkeit der Tierart kann eine rücksichtslose oder unaufmerksame Übergriffigkeit unangenehm für den Fotografen und/oder die Tiere ausgehen. Wer sich einmal absichtlich oder unabsichtlich den so fotogenen Wildschwein-Frischlingen ohne ausdrückliche Genehmigung der Bache zu sehr genähert hat, wird dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemals wieder versuchen. Andererseits kann es aber auch passieren, dass scheue und körperlich unterlegene Tiere – wie die allermeisten Wildvögel – sich so gestört fühlen, dass sie die Fütterung unterbrechen (schwerwiegende Folgen) oder sogar in lauter Panik ihre Brut aufgeben (tödliche Folgen). Sie wissen es ja schon: Ich verzichte lieber auf ein vermeintlich tolles Foto als auf eine Tierart. Vorhergehende Recherche ist immer zu empfehlen, idealerweise verschwindet man komplett von der Bildfläche und bedient sich wirkungsvoller Tarn- oder Täuschungsstrategien.

Besonderheiten bei der Jungtier-Fotografie

Gehen wir mit der nötigen Rücksicht vor, sollten wir üblicherweise vernünftige und/oder einzigartige Bilder mit nach Hause nehmen können. Ein paar Erfahrungen möchte ich noch weitergeben, damit Sie noch bessere Resultate erzielen: Küken und Jungtiere sind verständlicherweise erheblich kleiner als ihre Eltern, entsprechend tiefer sollten wir unsere Kamera-Perspektive wählen, um die Kleinen auch vor einem schönen Hintergrund ablichten zu können. Ich liege nicht selten ausgestreckt auf dem Bauch und stütze die Kamera und das Objektiv entweder auf einem Mini-Stativ oder direkt auf dem Boden ab. Ein kleines Sandsäckchen sorgt vielleicht noch dafür, dass die teure Optik nicht komplett im Matsch oder Dreck versinkt. Empfehlenswert ist es auch, mit einer variablen Brennweite zu arbeiten, da ich es schon mehrmals erlebt habe, dass Küken unterschiedlichster Arten fröhlich und neugierig auf mich zuliefen und ich mit einer Festbrennweite nur noch nach hinten hätte ausweichen können – nicht ohne die kleinen Piepser wieder zu erschrecken und zu verjagen.

Einer der wichtigsten Begleiter bei der Foto-Pirsch ist ohne Frage die Geduld. Lauert man in der Nähe eines sorgfältig ausgekundschafteten Dachs- oder Fuchsbaus auf die ersten zaghaften Schritte des Nachwuchses außerhalb der schützenden Wände ihres Geburtsorts, sollte man bei der ersten Sichtung nur behutsam und möglichst lautlos beobachten. Lässt man dann sofort den Verschluss wie ein Maschinengewehr rattern, sobald die erste Fellnase um die Ecke biegt, läuft man Gefahr, die Jungen so verschreckt zu haben, dass erst wieder eine ordentliche Zeit ins Land ziehen muss, bis man seine nächste Foto-Chance erhält. Die Tierkinder bewegen sich die ersten paar Minuten sowieso nur sehr vorsichtig, lugen und lauschen in alle Richtungen. Nach einer Weile, wenn die Luft rein zu sein scheint, werden die Jungen ausgelassener und fangen an, mit ihren Geschwistern herumzutollen und die Umgebung zu erkunden. Jetzt ergeben sich in der Regel auch erst die wirklich niedlichen und interessanten Momente. Wir haben dann im Idealfall unsere Kamera direkt griffbereit und können langsam mit dem Fotografieren beginnen.

Finger weg vom Kitz!

Zum Schluss noch eine dringende Bitte: Sollten Sie beim Streifen durch Wald und Wiesen unvermittelt auf ein Rehkitz stoßen, dürfen Sie es auf keinen Fall berühren! Sie setzen das Jungtier enormen Stress aus. Bleiben Sie einfach kurz stehen, machen Sie ein schnelles Foto und ziehen Sie unaufgeregt und ruhig weiter. Hektik ist vollkommen unangebracht, da das Kitz erfahrungsgemäß abwartet, bis der Störenfried wieder außer Sichtweite gekommen ist und wenn überhaupt, dann erst die Flucht zurück zur Ricke antritt.

Konnten Sie schon erste Erfahrungen in der Kinderstube der Natur sammeln? Welche Tiere möchten Sie gerne noch in Teenageralter ablichten? Die Community und ich freuen uns auf Ihre Fragen und Kommentare!

Ihr Alexander Ahrenhold

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Fotograf: Alex Ahrenhold