Capture the Wildlife, Folge 25: Tarnzelte und Ansitzhütten

Heute drehen wir das bekannte Sprichwort vom Propheten, der zwangsläufig zum Berg kommt, einfach mal um. In der Wildlife Fotografie ist es oftmals schlauer und ergiebiger, wenn man sich als "Prophet" auf die Lauer legt und wartet, bis der "Berg" vorbeikommt.


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Zugegeben: Ich pirsche mich wirklich gerne an ein Wildtier an – die Herausforderung, mit der Natur zu verschmelzen und sich so geschickt fortzubewegen, dass man selbst das extrem schlaue und aufmerksame Rotwild unbemerkt und aus nächster Nähe ablichten kann, reizt mich regelmäßig wieder. Tatsächlich rechtfertigt der Zeitaufwand aber nicht unbedingt das zu erzielende Ergebnis. Dazu kommen dann oft noch ungünstige Witterungsbedingungen, die eine vermeintlich spannende Pirsch in eine echte Matschrutscherei verwandeln können. Nicht vergessen sollten wir auch den störenden Effekt des Anpirschens, denn irgendwann werden wir immer entdeckt und setzen die Tiere – gerade in der für sie so wichtigen und anstrengenden Brunftzeit – unter unnötigen und schädlichen Stress. Diesen Stress sieht man den Tieren dann auch auf dem Bild an: sie schauen direkt und angestrengt in die Kamera, die Körperhaltung unterstreicht die starke physische und psychische Anspannung des Augenblicks. Mein diesbezügliches Motto sollte mittlerweile bekannt sein: Ich verzichte lieber auf ein tolles Foto als auf eine Tierart. Eine vernünftigere, weitaus erfolgversprechendere und wesentlich rücksichtsvollere Alternative zum Anpirschen besteht in der Nutzung von festen Verstecken wie Tarnzelten und Ansitzhütten.

Standortwahl für die Wildtierfotografie

Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren: die richtige Wahl des passenden Standorts. Natürlich findet man niemals den einen, perfekten Platz, der sich für das fotografische Ansitzen auf alle Tierarten eignet. Man kann aber bereits mit guten Kompromissen schon vernünftige Ergebnisse erzielen. Vor der endgültigen Standortfestlegung steht daher – wer hätte es gedacht – die sorgfältige Recherche, kombiniert mit ausgiebiger Beobachtung infrage kommender Locations. Diese hängen üblicherweise mit den Gewohnheiten der Tiere zusammen – der Eisvogel benötigt einen erhöhten "Ansitz" für die Fischjagd, das Reh nimmt seine Nahrung auf einer Wiese zu sich, das Rotwild hat einen präferierten Brunftplatz, der im Frühherbst stark frequentiert wird. Habe ich passende Positionen recherchieren können, muss ich im nächsten Schritt herausfinden, ob ich dort überhaupt einen temporären oder festen Tarnunterstand errichten darf. Ungefragt mehrere Monate lang ein Zelt oder sogar einen Holzunterstand auf privatem Grund und Boden zu errichten, kann zu Recht unangenehmen Konsequenzen führen. Fragen Sie also lieber einmal zu viel als zu wenig nach, Sie können dem Eigentümer die Erlaubnis ja vielleicht auch mit der Aussicht auf Informationen und exklusive Fotos schmackhafter machen.

Test und Ausrichtung der Tarnzelte und Ansitzhütten

Bevor ich mit der erfolgten Erlaubnis jetzt feierlich zur Grundsteinlegung schreite und in der aufwendig und kostspielig errichteten Premium-Ansitzhütte zeitnah mit meiner Schrankwand einziehe, muss ich erst die tatsächliche Eignung überprüfen. Einerseits sollte ich ausreichendes "Schussfeld" in möglichst mehrere Richtungen haben, andererseits auch den Lauf der Sonne eingehend studieren. Idealerweise habe ich zweimal geeignetes Foto-Licht: Einmal als stimmungsvolles Gegenlicht und einmal als Rückenlicht zur kompletten Ausleuchtung der Motive und Hintergründe. Zudem sollte die vorherrschende Windrichtung und die Umgebungsvegetation eine gedeckte Annäherung erlauben. Die schönste Perspektive nützt überhaupt nichts, wenn uns das Wild schon "3 Meilen gegen den Wind" wittert und ab sofort einen großen Bogen um unsere Wunsch-Location macht. Diese Erkenntnisse gewinne ich normalerweise über mehrere Tage oder sogar Wochen in einem gut eingerichteten und platzierten Tarnzelt. Passen dann alle Parameter, kann ich mich daran machen, eine wetterfeste und sorgfältig getarnte Ansitzhütte zu bauen. Eine kleine Warnung vorweg: Das fotografische Ansitzen kann sich zu einer wirklich zeitraubenden Angelegenheit auswachsen, die etliche Stunden oder Tage unsere ungeteilte Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Um nicht ständig mit leerer Speicherkarte nach Hause zu kommen, sollten wir auch zusätzliche kleinere "Schießscharten" für Alternativmotive im Versteck einbauen. Hat es an einem Tag dann wieder nicht mit dem Rehwild geklappt, konnte man vielleicht währenddessen ein paar niedliche und kaum weniger fotogene Singvögel ablichten.

Alternativen zum individuellen Versteck

Wem der Aufbau einer eigenen Ansitzhütte oder bereits das Aufstellen eines Tarnzeltes zu aufwendig erscheint, kann sich nach Beobachtungshütten des NABU in der Umgebung umsehen und -hören. Diese liegen zwar nicht immer ideal, das Wild hat sich aber oftmals schon längst an die neue Nachbarschaft gewöhnt. Zudem lernt man dort auch gleichgesinnte Fotografen und Naturliebhaber kennen und kann sich mit Fachgesprächen die langen Wartezeiten verkürzen.

Arbeiten Sie auch mit festen Tarnverstecken? Wie gehen Sie bei der Auswahl und beim Aufbau vor? Ich freue mich schon sehr auf Ihre Kommentare, Bildbeispiele und Anregungen in unserer "Capture the Wildlife"-Gruppe auf Facebook!

Ihr Alexander Ahrenhold

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Fotograf: Alex Ahrenhold