Capture the Wildlife, Folge 23: Frühblüher fotografieren

Um die erste Frage direkt vorwegzunehmen: Ja, heute geht es nicht um Tiere, sondern um Pflanzen. Die gehören meiner Meinung nach aber natürlich auch zum Themenbereich "Wildlife" dazu. Gerade die ersten floralen Frühlingsboten sind durchaus lohnenswerte und farbenfrohe Motive und machen richtig Lust auf wärmere Temperaturen und eine Natur, die endlich aus dem Winterschlaf erwacht …

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Frühblüher, wie Schneeglöckchen oder Krokusse

Die sogenannten "Frühblüher" sorgen momentan für die ersten Farbtupfer im sonst noch vergleichsweise braunen, grauen und maximal dunkelgrünen Wald. Die auch als Frühlingsgeophyten bezeichneten Pflanzen findet man tatsächlich vorwiegend in Laubwäldern, da diese Gattung von den ersten, etwas intensiveren Sonnenstrahlen und der sich langsam im und direkt über dem Waldboden sammelnden Wärme profitiert. Während über Felder und freie Flächen teils noch eiskalter Wind weht, schützen im Laubwald die Baumkronendecken die ersten Blumen und ermöglichen bereits ein frühes Wachstum – trotz der noch ziemlich kraftlosen Fotosynthese. Erwacht dann langsam auch die übrige Bodenvegetation aus dem Winterschlaf, ziehen sich die Frühblüher schon wieder zurück. Uns steht also nur ein vergleichsweise schmales Zeitfenster zur Verfügung, wenn wir uns auch dem blühenden "Wildlife" fotografisch zuwenden wollen. Zu den Frühblühern zählen beispielsweise Schneeglöckchen, Krokusse, Märzenbecher oder auch die Leberblümchen. Wem die Frühblüher-Fotografie jetzt zu themenfern erscheint, braucht einfach nicht weiterzulesen. Ich plädiere aber regelmäßig dafür, sich auch immer wieder links und rechts der persönlichen Motiv-Favoriten umzusehen – nicht selten gewinnt man interessante Einblicke in andere fotografische Disziplinen, die man über kurz oder lang auch im eigenen Spezialgebiet umsetzen kann. Vielleicht findet sich auch eine neue Foto-Leidenschaft, wer weiß …

Rollei Wildlife Frühblüher

Frühblüher-Fotografie

Der größte fotografische Vorteil von Frühblühern im Speziellen und Pflanzen im Allgemeinen: Sie nehmen nicht Reißaus, wenn wir uns mit der Kamera nähern. Weiterhin können wir uns mit ihnen stunden- oder tagelang intensiv beschäftigen, ohne sie unter wirklichen Stress zu setzen. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch in der Pflanzenfotografie ein paar Punkte, die man beachten sollte. Wenden wir uns erst einmal der Hardware zu:

Passende Fotoausrüstung 

Meiner Meinung nach eignen sich grundsätzlich alle Objektive für diesen besonderen Zweck – sehr gute Erfahrungen habe ich aber mit sehr langen Brennweiten und natürlich auch Makrolinsen gemacht. Beiden Objektivarten ist gemeinsam, dass man aufgrund ihrer geringen Schärfentiefe an der Naheinstellgrenze mit vergleichsweise weit geöffneten Blenden arbeiten kann. Mit dieser Objektiveinstellung erhält man bei einer knackigen Schärfe im Bereich der Blüte – der meiner Ansicht nach wie der Augenbereich von Tieren behandelt werden sollte – einen schön unscharfen, dekorativen und unspezifischen Background. Gerade die sehr feinen und diffizilen Blütenstrukturen vertragen keine Konkurrenz eines gestochen scharfen Bildhintergrunds. Bezüglich der verwendeten Kamera sollte jeder zu seinem individuellen Favoriten greifen oder sein bewährtes "Arbeitspferd" verwenden. Wie die regelmäßigen Leserinnen und Leser dieser Blogreihe schon wissen, bevorzuge ich bei der Wildtier-Fotografie eine Perspektive auf Augenhöhe – diese Präferenz hat sich erwartungsgemäß auch auf den Pflanzenbereich übertragen. Daher habe ich entweder ein leichtes und tragfähiges Stativ dabei, das über eine umkehrbare Mittelsäule verfügt bzw. dessen Beine sich sehr weit spreizen lassen – oder einen ganz banalen Bohnensack, auf dem ich auch das längste Objektiv bequem abstützen kann. Weiterhin führe ich immer einen Kabelfernauslöser mit, um auszuschließen, dass selbst der sanfteste Druck auf den Auslöser die sehr empfindliche Schärfeneinstellung bei kleinen und kleinsten Motiven beeinträchtigt. Abhängig von den jeweiligen Beleuchtungsverhältnissen können Diffusoren oder Reflektoren das Licht wunschgemäß reduzieren oder verstärken. Dass man nicht ohne eine Auswahl voller Akkus und leerer Speicherkarten in die "Wildnis" aufbrechen sollte, brauche ich eigentlich nicht mehr zu erwähnen.

Vorgehensweise

Bevor wir aber nun direkt das erwähnte Equipment in unseren Fotorucksack packen und einfach "aufs Geratewohl" losziehen, empfehle ich – wie zu erwarten – eine sorgfältige Recherche im Vorwege. Diese sollte nicht nur die gewünschten Pflanzenmotive und den idealen Sonnenstand vor Ort beinhalten, sondern auch die zu erwartenden Windverhältnisse mit ins Kalkül nehmen. Denn die meisten Pflanzen verfügen über dünne und sehr filigrane Stiele – auch machen große, Segel- oder Sonnenschirm-artige Blütenblätter machen es dem Fotografen nicht besonders einfach, bei starkem Wind einen akzeptablen Schärfebereich zu finden. Suchen Sie sich also möglichst windstille Termine fürs Frühblüher-Shooting aus – oder versuchen Sie mit geeigneten Hilfsmitteln die archaische Kraft des Windes manuell zu bändigen. Zur besten Uhrzeit: Ich orientiere mich persönlich an möglichen Zeitfenstern, die entweder eine frische Morgensonne oder eine stimmungsvolle Abendsonne ermöglichen. Kombinieren wir diese verschiedenen Aspekte, können wir uns mit einer wesentlich höheren Erfolgsaussicht in die freie Natur stürzen. 

 

Kameraeinstellungen

Wie bereits erwähnt, empfiehlt sich eine möglichst weit geöffnete Blende, um einen geringen Schärfeverlauf zu erhalten. Belichtungszeit und ISO-Wert richten sich dann nach der gewählten Blendenöffnung, hängen aber natürlich auch von den allgemeinen Lichtverhältnissen ab. Konnten wir einen windstillen oder zumindest moderat windigen Tag erwischen, sollten wir auch den ISO-Wert niedrig halten, um das Bildrauschen zu reduzieren. Zu den sichtbaren Parametern gesellen sich auch bei der Pflanzen-Fotografie die unsichtbaren Variablen, die ebenfalls einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Endergebnis haben. Moderne Kameras verfügen über zahlreiche Hilfsmittel, die uns in manchen Situationen das Fotografenleben spürbar erleichtern, in anderen Momenten aber auch sehr kontraproduktiv wirken können. Zu diesen technischen Helferlein zählt ohne Frage der Bildstabilisator. Bei Actionaufnahmen sehr hilfreich, tendiert diese Funktion bei der sehr diffizilen Makro- und Pflanzenfotografie dazu, die Aufnahme durch das ungewollte Gegensteuern zu verwackeln. Auch den mittlerweile extrem ausgereiften und sensiblen Mehrfeld-Autofokus meiner Kamera schalte ich komplett aus, wenn ich das Objektiv auf eine Blüte oder Pflanze richte. Der leiseste Windhauch und die nachfolgende Bewegung der Pflanze ermuntert die Automatik, hektisch die Schärfe nachzurichten – sie erwischt eventuell sogar einen beliebigen Fix-Punkt im Bildhintergrund, der dann insgesamt knackig scharf belichtet wird. Unseren Frühblüher im Vordergrund kann man nur noch schemenhaft erkennen. Nutzen Sie lieber die Liveview-Funktion Ihrer Kamera, um die Schärfe genau da zu platzieren, wo Sie sie auch tatsächlich haben möchten. 

Zum Schluss noch ein paar persönliche Fotografie-Tipps

Die von mir so geliebte bodennahe Perspektive erfordert neben dem erwähnten fotografischen Equipment auch entsprechend robuste, Schmutz- und Feuchtigkeits-resistente Kleidung. Ich möchte mich ohne Rücksicht auf Verluste in den Matsch werfen oder auch bis zum Bauchnabel in einen trüben Tümpel stellen können. Das Motiv hat für mich immer Prio 1, die Kleidung kommt irgendwann unter "Ferner   liefen …". Meiner Meinung nach sieht man es einem Bild auch fast immer an, ob sich die Fotografin oder der Fotograf im Vorwege ausführliche Gedanken gemacht und das Shooting sorgfältig geplant hat oder ob wir es mit einem Zufallstreffer zu tun haben. Wer sich kontinuierlich weiterentwickeln möchte, sollte für die Vorbereitung auch ausreichend Zeit und Mühe investieren – ansonsten "krebst" man immer nur auf der Knipser-Ebene herum.

Fazit

Dieser ungewohnte Ausflug in die wilde Botanik hatte ganz bewusst einen XXL-Umfang, um unseren fotografischen Tunnelblick wieder ein wenig zu erweitern und nicht immer nur auf das spektakuläre Großwild zu lauern. Oftmals stellt das Schneeglöckchen am Waldweg nicht minder hohe Anforderungen an uns. Nutzen wir also immer neue Herausforderungen, um uns weiterzuentwickeln. Denn auch meisterhafte Wildlife-Fotografen fallen nicht vom Himmel.

Überraschen Sie uns mit Ihrem Lieblingsbild eines Frühblühers – oder stellen Sie mir und der Wildlife Community weitergehende Fragen.

Ich freue mich auf Ihre Kommentare!

Ihr Alexander Ahrenhold

 

 

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Fotograf: Alex Ahrenhold