Capture the Wildlife, Folge 22: Finden seltener Arten

Ein Plädoyer für den unvermuteten Reiz des Alltäglichen in der Wildlife Fotografie habe ich ja schon gehalten – im Umkehrschluss bedeutet dies aber nicht, dass ich nicht auch oft und gerne nach seltenen Arten Ausschau halte. Um hier erfolgreich zu sein, muss man aber verständlicherweise etwas mehr Mühe und Recherche investieren.

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Auch wenn Sie kein aktiver Pokémon GO Spieler sind, kennen Sie wahrscheinlich aus der Presse oder Erzählungen das Grundprinzip dieser Augmented Reality App – Sie müssen mit Ihrem Smartphone unter freiem Himmel verschiedene Monster suchen, fangen und trainieren. Dabei gilt: Je seltener ein bestimmtes Monster vertreten ist, desto spannender und wertvoller ist seine "Rekrutierung". Diesen Kausalzusammenhang hole ich aus der sogenannten Erweiterten Realität direkt in die reale "Wildnis", der Spielwiese der Wildlife Fotografen. Die Grundprobleme ähneln sich ja auch sehr stark – je seltener eine Art zu finden ist, desto aufwendiger und zeitintensiver stellt sich üblicherweise auch die entsprechende Fotopirsch dar, von der notwendigen Recherche im Vorwege ganz zu schweigen. Um meine Vorgehensweisen und Erfahrungen zu verdeutlichen, springen wir mal zusammen sinnbildlich in einen Tümpel und beschäftigen uns beispielhaft mit Amphibien.

Häufig: die Erdkröte

Die in unseren Breitengraden am weitesten verbreitete Amphibien-Art ist ohne Zweifel die Erdkröte. Wie und wo man sie mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit abpassen und ablichten kann, habe ich bereits im Blogartikel "Insekten, Amphibien und Reptilien finden" ausführlich beschrieben. Trotz ihrer Häufigkeit stellt die Erdkröte für mich auch immer wieder ein lohnendes Motiv dar, das man gerade als Anfänger nicht unterschätzen sollte.

Selten: die Kreuzkröte

Wesentlich seltener zu finden ist hingegen die Kreuzkröte. Dies liegt hauptsächlich daran, dass sie in Deutschland quasi keine natürlichen Lebensräume mehr besetzen kann und auf Sekundärhabitate ausweichen muss – die man aber nur in Steinbrüchen oder Kieskuhlen findet. Im Gegensatz zu einem Feld-Wald-und-Wiesen-Tümpel ist der Zugang zu einem Steinbruch oder einer ausgedienten Kieskuhle aus Sicherheitsgründen üblicherweise sehr reglementiert. Ich möchte an dieser Stelle nachdrücklich davor warnen, diese Gebiete ohne Genehmigung zu betreten: Einerseits besteht in den allermeisten Fällen tatsächlich ein echtes Verletzungsrisiko, wenn man sich "schwarz" und auf eigene Faust einen Weg sucht. Andererseits drohen eventuell auch Strafen und schlussendlich stört man die ohnehin seltenen Tiere mit solchen Aktionen massiv.
Der richtige Weg: Sich bei den Besitzern, Verwaltern oder zuständigen Behörden erkundigen und nach einer offiziellen Erlaubnis fragen.

Ich persönlich habe vor einiger Zeit eine wissenschaftliche Arbeit über diese seltene Krötenart geschrieben, die eben auch das Auffinden und Nachweisen von Kreuzkröten-Populationen beinhaltete.
Geht man wissenschaftlich und sorgfältig vor, freuen sich auch Naturschutzbehörden über Nachweise oder Ergebnisse von Zählungen. Dass ich die erste Kreuzkröte ziemlich schnell finden konnte, war – wie fast immer – meiner gründlichen Recherche im Vorwege geschuldet. Diese Krötenart wird ab März aktiv und beginnt dann mit der Partnersuche, der Paarung und dem darauffolgenden Ablaichen – im Winter bekommt man sie daher nicht vor das Objektiv. Tagsüber versteckt sie sich unter den Steinen des Habitats, ihr wirklich ohrenbetäubendes Ruf-Konzert beginnt erst gegen Abend.

Wer sich also schon vorher im Internet mit entsprechenden Sound-Files beschäftigen konnte, wird in der "Wildnis" schnell die akustische Witterung aufnehmen können.

Interessiert man sich zum Beispiel sehr für seltene Eulenarten, fährt man auch gut damit, sich in der Balzzeit mit offenen Ohren in den nächtlichen Wald zu stellen und seinem Gehör zum Wunschmotiv zu folgen – Voraussetzung ist ebenfalls eine sorgfältige Vor-Recherche. Diese begünstigt auch den fotografischen Erfolg, falls man sich eher über Spuren oder Hinterlassenschaften dem avisierten Traummotiv nähern möchte – neben den vergleichsweise charakteristischen "Fußabdrücken" orientiert man sich hier an der Losung, an Futterresten oder Rupfplätzen.
Passen alle Indizien gut zusammen, kann man dann die weitere Vorgehensweise planen. Geduld, Fleiß, gute Vorbereitung und immer auch ein Quäntchen Glück gehören eben zum spannenden und erfüllenden "Job" eines echten Wildlife Fotografen dazu.

Bei aller Begeisterung und fotografischer Jagdleidenschaft möchte ich aber auch noch einmal darauf hinweisen, dass wir nur Gäste im Lebensraum aller wildlebenden Tiere sind. Gerade sehr seltene und scheue Arten geraten sehr schnell unter Stress, der im schlimmsten Fall auch existenzgefährdende Züge annehmen kann, wenn man sich rücksichtslos wie die Axt im Walde benimmt. Mein Motto: Lieber auf ein Foto verzichten als auf eine Tierart!

Welches extrem seltene Tier haben Sie schon ablichten können? Wie viele Traummotive stehen noch auf Ihrem Wildlife Wunschzettel? Die Wildlife Community und ich freuen uns sehr auf Ihre Kommentare und Fragen!

Ihr Alexander Ahrenhold

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Fotograf: Alex Ahrenhold