Capture the Wildlife, Folge 26: Umgang mit der Natur

Wer am Ast sägt, auf dem er sitzt, brauch sich nicht zu wundern, wenn er über kurz oder lang schmerzhaft auf dem Boden der Tatsachen landet. Genauso ergeht es Tierfotografen, die sich in der Natur unachtsam oder sogar rüpelhaft benehmen. Ein kleines Plädoyer fernab des Paragraphen-Dschungels für etwas mehr Rücksicht in der Natur …


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Als Naturfotograf – in diese Kategorie fällt man zwangsläufig, wenn man sich mit Wildtieren beschäftigt – gibt es für mich persönlich kaum etwas Schöneres, als außerhalb der gemauerten Grenzen einer zivilisatorisch genormten und festen Unterkunft die Natur mit all ihren Eindrücken und Aspekten einzufangen, das Zusammenspiel von Witterung, Flora und Fauna zu genießen und komplett und tiefenwirksam zu entspannen. Wildlife-Fotografen nutzen die Natur in erheblichem Maße – als Hobby oder zum Broterwerb. Aus dieser einseitigen Nutzung erwächst aber auch große Verantwortung. Gerade die Fokussierung auf wild lebende Tiere stellt meiner Meinung nach die größte Herausforderung dar – ohne gute Vorbereitung, echten Respekt und auch ein wenig Demut sollte man lieber gleich zu Hause bleiben und sich besser mit der Stilleben-Fotografie beschäftigen. Bitte nicht falsch verstehen – dies soll keinesfalls eine Herabsetzung meiner Fotografenkollegen werden, die sich lieber im Studio aufhalten! Nur müssen wir "Matschlatscher" bei der Suche nach dem perfekten Foto doch schon ein wenig mehr Umsicht an den Tag legen.

Gesunder Menschenverstand statt Paragraphen-Reiterei

Dabei geht es mir nicht vordergründig darum, die unterschiedlichen Natur- und Tierschutz-Paragraphen herunterzubeten – diese variieren ja auch noch von Land zu Land. Die jeweils geltenden Regel- und Gesetzeswerke sollte man im Rahmen der Vorbereitung eines Wildlife-Shootings im Internet recherchieren und genau studieren. Steht man im Unterholz ganz unvermittelt einem erstarrten Rehbock gegenüber, helfen die Rechtstexte aber nicht wirklich weiter, hier ist vielmehr Einfühlungsvermögen und gesunder Menschenverstand gefragt. Aus meiner langjährigen Erfahrung habe ich gelernt, dass man mit sich selbst eine Art "Rote Linie" vereinbaren sollte, die man auf keinen Fall überschreitet. Diese Grenze resultiert aus einer persönlichen Abwägung: Was ist mir ein gutes Wildlife-Bild wert? Bin ich wirklich bereit, das Leben des jeweiligen Tieres aufs Spiel zu setzen, um ein besonders spektakuläres Foto schießen zu können? Oder verzichte ich lieber auf eine Aufnahme und nicht auf eine Tierart? Das hört sich jetzt sehr dramatisch an, kann aber leider in letzter Konsequenz wirklich zutreffen.

Eine ausgewogene Balance

Schlussendlich greifen wir bereits störend in die Natur ein, wenn wir unser Haus verlassen, aus dem Auto steigen oder den ersten Schritt in den Wald oder auf das Feld setzen. Die niedrigschwelligste Störung mag darin bestehen, dass ein Stück Wild kurz den Kopf hebt, mich ein paar Augenblicke beobachtet und sich dann wieder der Nahrungsaufnahme widmet. Als Worst-Case-Szenario könnte es aber auch passieren, dass es in voller Panik Reißaus nimmt und auf der nächstliegenden Straße direkt vor ein Fahrzeug läuft und getötet wird. Glücklicherweise habe ich eine solche verhängnisvolle Kettenreaktion bisher noch nicht wissentlich ausgelöst – wohl auch deshalb, weil ich im Zweifel lieber etwas zurückhaltender vorgehe. Auch kann es vorkommen, dass Vögel ihre Brut aufgeben, weil man entweder zu forsch und aufdringlich vorgeht oder einfach unabsichtlich einem gut getarnten Nest zu nahekommt. Beide Fälle führen zum gleichen fatalen Ergebnis, da  tröstet es auch nicht, dass einmal keine Absicht mit im Spiel war.

Unterm Strich müssen wir also immer wieder aufs Neue entscheiden, ob wir noch den zusätzlichen Meter näher kommen wollen oder wir uns auch mit einem nicht komplett formatfüllenden Porträt zufriedengeben. Zwar hilft es manchmal schon, sich vorher mit den jeweiligen Fluchtdistanzen vertraut zu machen. Andererseits nimmt sich ein Wildtier auch nicht gleich das Leben, nur weil wir ein wenig zu nahe gekommen sind. Die Kunst besteht darin, den Spagat zwischen Rowdytum und Übervorsicht zu bewältigen. Katastrophisieren wir nur noch vor uns hin, dürften wir kaum noch aus dem Hause gehen – man könnte ja aus Versehen auf einen Stein treten, unter dem dann ein seltenes Insekt plattgedrückt werden würde. Oder beim Autofahren einen zierlichen Falter mit einer 100 km/h schnellen Windschutzscheibe in seine Einzelteile zerlegen. Sie merken, worauf ich hinauswill? Kombinieren wir gesunden Menschenverstand mit einem grundsätzlichen Respekt vor der Natur und unserer Umwelt, sollten wir als Naturfotografen eigentlich ganz gut zurechtkommen.

Wo liegt Ihre persönliche "Rote Linie"? Haben Sie schon mal mitansehen müssen, dass sich ein Fotografenkollege wie "die Axt im Walde" benommen hat? Kommentieren Sie gerne unter dem Beitrag oder in unserer Facebook-Gruppe!

Ihr Alexander Ahrenhold

 

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Fotograf: Alex Ahrenhold